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Dem Pfarrpatron auf der Spur

Anregung aus der Arbeitshilfe “Mehr als man glaubt” zum Bistumsjubiläum

Johannes der Täufer als Musiktheater auf der Bühne. Ein ungewöhnliches und einzigartiges Projekt für das kleine Dorf Siddinghausen bei Büren mit 1100 Einwohnern. Circa 150 Personen wirkten mit. Der Leiter vom St. Johannes-Chor hatte diese Idee, wurde Schreiber und Koordinator. "Das wäre eine Sache. Die Geschichte unseres Pfarrpatrons als Musiktheater mit vielen Gruppen und Darstellern unseres Dorfes" so der Chorleiter. Und der Stein kam ins Rollen. Zu Beginn der Pfarrwoche 1991 wurde dieses Stück uraufgeführt. Laienspielschar, Männergesangverein, Kinderchor, Musikverein, Kolpingtanzgruppe, Bildner, Bühnenbauer, Pastor, Regisseur, Souffleur und viele weitere Helfer und Mitdenker ließen die Vorstellung zu einem großen Erfolg werden. Doch zuvor eine Menge Arbeit: Die Bibel wurde gewälzt, Texte und Lieder geschrieben, es wurde gebaut und geprobt.

Selbst in Familien, Gruppen und an der Theke wurde über Inhalt und Besetzung dieses Stückes diskutiert. Das Ergebnis neben aller Arbeit und einem total ausverkauften Haus: Große und kleine Darsteller hatten viel Freude. Talente wurden entdeckt. Die Menschen des Dorfes kamen ins Gespräch über Glauben und Leben. Die Bibel wurde gelesen. Verschiedene Gruppen hatten ein gemeinsames Projekt, und die Dorfgemeinschaft wurde gestärkt. Die Botschaft von Johannes wurde in die heutige Zeit übersetzt - das Leben des Pfarrpatrons wurde lebendig.

Ein mögliches Beispiel, wie man in unseren Gemeinden dem Pfarrpatron auf die Spur kommen kann. Es lohnt sich, auf Entdeckungsreise zu gehen. in der Geschichte unserer Vorfahren zu wühlen und so manche Traditionen zu entstauben. Denn Heilige sind Menschen, die es uns leichter machen, an Gott zu glauben. Sie lebten in ihrer Zeit und vieles kann man auch nur aus dieser Zeit verstehen. Doch unsere Vorfahren gaben mit der Wahl dem Schutzpatron, der Schutzpatronin der Heimatkirche und -gemeinde eine Bedeutung. Sich an diese heranzutasten, ohne Folklore und Romantisierung, mit einem Bezug auf unser heutiges Leben mit allen Fragen, Problemen und Möglichkeiten - darin liegt die Chance.

Wenn wir uns in die Lebensbeschreibungen der Pfarrpatrone vertiefen, werden wir erfahren, daß diese ,,heiligen Menschen" sehr handfest und direkt in das Alltagsleben von kranken, verzweifelten, bedrohten und ausgestoßenen Menschen eingegriffen haben. Sie sind Menschen wie wir mit Fehlern und Schwächen, aber sie haben es in ihrem Leben ganz ernst mit der Nachfolge Christi gemeint. Sie sind, wie Paul Claudel einmal gesagt hat, in Jesu Fußstapfen getreten, doch jeder mit seiner eigenen Schuhgröße. Es waren starke, unabhängige Persönlichkeiten, die, ungeachtet vieler Widerstände, ihren Weg in der Nachfolge gingen. So können sie auch uns zu Bildern der Hoffnung und Zuversicht werden, zu Vorbildern auch für unseren eigenen Lebensweg. Reinhold Schneider schrieb: "An einer starken, frommen Persönlichkeit kann ein verwundeter, zerrissener Mensch sich zurechtfinden, sich gewissermaßen ausheilen, wenn er sich eng, aus liebendem Herzen an sie anschließt, nicht indem er sich ihr versklavt, aber unter ihrer heilenden Kraft gesammelt und fest zu werden versucht wie sie." So kann uns die Beschäftigung mit dem Leben der Heiligen Hoffnung und Zuversicht schenken.

Da gibt es eine Menge Möglichkeiten: Lieder und Geschichten singen, tanzen, spielen lassen; Vorträge und Predigtreihen: Rollenspiele und Theateraufführungen; Gespräche in Bibelkreisen; den Sinn von Bräuchen und Traditionen erspüren und ins heutige Leben übersetzen; Chroniken durchforsten; Interviews mit älteren Menschen führen; basteln und bauen; Filme über das Leben der Heiligen zeigen; Heiligenhäuschen renovieren oder neue bauen lassen; einen Kirchenführer erstellen; fiktives Interview mit einem Heiligen; usw.
Wichtig ist nur, daß die Erzählungen am "eigenen Leibe" erfahren werden. "Interessant sind immer Erzählungen, die ,spannend' vereinnahmen, die verstricken, die in der Phantasie mitspielen lassen, angesichts des Geschehens zwischen Gott und den Menschen, zwischen Jesus und den Menschen." (Werkstatt "Erzählen").

Über das notwendige Erinnern, über die Darstellung von Konzepten und Ideen hinaus, sollen wichtige Persönlichkeiten unserer Pfarrgemeinden, der Kirchengeschichte danach befragt werden, was sie an Ansatzpunkten beitragen können, um heutige Probleme in Kirche und Gesellschaft, in der Lebensführung moderner Menschen zu lösen.

Was sie gedacht und getan haben, könnte viele aktuelle Diskussionen bereichern. "Die großen Gestalten der christlichen Traditionen waren oft auf ihre Weise Radikale. Ihr Ausbruch aus der Normalität, der grauen Alltäglichkeit des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens ihrer Zeit, hat sie interessant gemacht, ihnen Bedeutung gesichert. Darin liegt ihre Faszination: Die Möglichkeiten eines Menschen aufs Äußerste auszuloten, ein Engagement radikal zu verfolgen - häufig genug gegen die Widerstände von Vorgesetzten und Autoritäten ihrer Zeit. Die Unruhe, die von solchen Menschen ausgeht, ist unbequem, aber notwendig, damals wie heute. Nur so kommen Dinge in Bewegung. ,Extreme Existenzen tun Not.' Dieses Wort von Reinhold Schneider hat sich in der Kirchengeschichte oft bewahrheitet. Es ist heute noch aktuell. In einer Gesellschaft, in der immer mehr Ideale, Utopien und Visionen abhanden kommen, ist die Erinnerung an Menschen, die gerade dies verkörpern, wichtiger denn je." (Klaus Hofmeister, "Lebendige Tradition")

Dem Pfarrpatron auf der Spur - Chance und Herausforderung, die alte Kirche jung zu erhalten.