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Wandel durch Licht und Zeit

Wenn Steine erzählen könnten ... Kirchenräume neu entdecken. Eine Performance im Paderborner Dom

Erstaunlich groß war die positive Resonanz auf einen Jugendgottesdienst in Paderborn in der Liboriwoche 1997, den der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) mit dem Leitgedanken "Gott in Farben sehen" gestaltete. Dabei wurden im Paderborner Dom zum ersten Mal Elemente der liturgischen Feier mit unterschiedlichem Licht ausgemalt und mit Farben unterstrichen. Diese Versuche wurden mit Studierenden des Paulus-Kollegs und der Katholischen Hochschulgemeinde in Paderborn weiterentwickelt. Sie bildeten einen Baustein für die Konzeption der Performance "Wandel durch Licht und Zeit" im Februar 1999.

Die Symbolik und die Ausdrucksformen mittelalterlicher Architektur sowie die Bedeutungswelt und Ausstattung des Kirchenraumes sollten den Zuschauern in Verbindung mit meditativen Texten und Musik vor allem durch eine Licht- und Farbchoreographie neu erschlossen und erfahrbar gemacht werden. Der Kirchenraum weckt Fragen: Warum steht der Taufbrunnen ganz hinten? Wen bezeichnen die Heiligenfiguren am Paradiesportal und im Mittelschiff? Hat es eine tiefere Bedeutung, dass der Turm so dicke und wehrhaft wirkende Mauern hat? Warum ist die Kirche geostet?

Menschen brauchen in der Welt Orte und Räume, an und in denen Begegnung zwischen dem wahren Gott und dem geschaffenen Menschen zustande kommen kann. In unseren Kirchen und großen Kathedralen ist der christliche Glaube "verortet". Dabei ist eine Kirche mehr als ein Versammlungsraum oder ein beeindruckendes Bauwerk; sie ist ein "Atem-Raum" des Glaubens. Hier atmet der Glaube durch die Geschichte und das Leben von Menschen, die in diesem Haus geschwiegen und gebetet, geklagt und gesungen, Gott gelobt und Gottesdienst gefeiert haben. Eine eigenartige Anziehungskraft geht bis in die heutige Zeit von unseren Kirchen aus. Dies bezeugen die Menschen, die sie besuchen, um hier Gottesdienst zu feiern oder den Raumeindruck zu erleben und die erhabene Schönheit der Architektur zu bewundern. Der Raum spricht von Gottes Nähe zu den Menschen.

Es lohnt sich, auf Entdeckungsreise zu gehen, denn die Bauformen der Kirchen und Dome, die Figuren und Bilder erzählen von Leben und Glauben, von den Freuden und Sorgen, von Fragen und Visionen, von Gott und Mensch - im Wandel der Zeit. Dabei ist die Predigt der Steine häufig wirkungsvoller als die des Wortes. So verhält es sich mit den Kirchen ähnlich wie mit den Bildern der christlichen Kunst, die uns die Inhalte des Glaubens vor Augen führen. Beide haben eine überlieferte Bildersprache, die sich nur dem wirklich erschließt, der ihre Symbolik, ihre Zeichenhaftigkeit, die versteckten Sinngehalte und Botschaften zu deuten versteht. Was den Menschen vergangener Jahrhunderte und selbst unseren Eltern und Großeltern vertraut war, ist vielen heute fremd geworden. Es müssen Zugänge gesucht werden, um über das ästhetische Erlebnis zu einer intensiveren Beschäftigung mit dem geistlichen Gehalt dessen zu gelangen, was uns sichtbar vor Augen steht.
"Wie ehrfurchtgebietend ist doch dieser Ort. Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels" (Gen 28,17). Im Bild des Ersten Testamentes gesprochen, berühren sich auch heute hier Himmel und Erde. Wenn sich die Gemeinde zum Gottesdienst um den Altar versammelt, feiert sie, was die zu Stein und Raum gewordene Kirche ausdrückt: Jesus Christus ist die Mitte der Kirche und der Lebensgrund der Menschen. Er vereint uns mit sich und stiftet Gemeinschaft im Miteinander. Denn für uns als Christen ist der wahre Tempel Gottes die Gemeinschaft der Glaubenden (1 Kor 3,17). Die Apostel und Propheten sind das Fundament, Christus ist der Eckstein (Eph 2,19-22). Diese architektonischen Metaphern, die Aufbau und Zusammenhalt der Ecclesia veranschaulichen, haben dazu geführt, dass der Begriff Kirche im doppelten Sinn als Gemeinschaft von Menschen und als architektonisches Gebäude verstanden wird. Der Kirchbau wird somit zum Gleichnis für die Gemeinde der Gläubigen. Die im Glauben fundierte Intention der Menschen vergangener Jahrhunderte, im Gotteshaus ein Gleichnis des Himmels auf Erden zu sehen, ist heute vielfach aus dem Blick geraten. Historische Sakralräume werden häufig nur noch wegen ihres spezifischen Fluidums geschätzt, ohne die Zusammenhänge zu verstehen.

Mit der Performance "Wandel durch Licht und Zeit", die anlässlich des 1200-jährigen Bistumsjubiläums stattfand, wurden neue Wege beschritten, um die Bedeutung des Ortes, der Architektur und der Ausstattung des Paderborner Domes sinnlich erfahrbar zu machen. Der Paderborner Dom ist wie all unsere Kirchen nicht nur ein herausragendes Bauwerk, sondern Stein gewordener Zeuge des Glaubens seit 1200 Jahren. Die Architektur im Großen, aber auch jedes Detail, ist voll Bedeutung, nichts ist zufällig.

In sieben Bildern wurde die vielschichtige Bedeutungswelt erschlossen. Sie waren thematisch angelegt und wie folgt überschrieben:

1. Der heilige Ort - Ordnung im Chaos
Die Kirche ist in der Form des Kreuzes gebaut. "Templum" meint in ursprünglicher Wortbedeutung Schneidung, Kreuzung, Schnittpunkt. Orientierung wird möglich. Der Mensch ortet die Welt. Er erfasst sie mit den drei Dimensionen seines Körpers: Über ihm das unendliche Himmelsgewölbe, unter ihm ein Fleckchen Erde, seinen Standpunkt; rechts und links die Umwelt, hinter ihm die Vergangenheit, vor ihm das Neue.

2. Die Himmelsrichtungen und ihre Symbolik
Alles richtet sich nach dem Licht. Die Sonne prägt das Leben des Menschen. Der Tageslauf ist Sinnbild des Jahres, des Lebens, der Zeit. Die Sonne legt die Himmelsrichtungen fest. Nach mittelalterlicher Vorstellung hat jede von ihnen eine eigene Bedeutung. So haben auch in der Bauform des Domes die Himmelsrichtungen ihre Bedeutung gefunden. Der Süden ist die Seite des vollen Lichtes und des Lebens, der reichen Gnadenschätze Gottes, des Neuen Testamentes, der Ecclesia und der Heiligen. Im Westen geht die Sonne unter. Hier endet der Tag, hier endet das Leben, hier endet die Zeit. Der Westteil der Kirche spricht von der Auseinandersetzung mit dem Vergänglichen und Weltlichen. Der Norden, die Mitternacht ist die Richtung des Dunklen, des Todes. Hier liegt auch der Friedhof. Im Osten, im Orient, erscheint das Licht zuerst. Hier ist der Anfang des Tages, des Lebens, die immer wiederkehrende Erneuerung. Hier ist Christus, auf ihn ist die Kirche ausgerichtet. Seit frühchristlicher Zeit beten die Gläubigen nach Osten gewendet, denn von hier erwarten sie die Wiederkunft Christi, die Sonne der Gerechtigkeit.

3. Wenn Steine reden - die vertikale Ordnung
Gottes Schöpfung klingt im Dombau wie in einem Echo nach. Die Raumsymbolik ist anschaulich erlebbar, da sie in Material, Farbe und Licht dem Naturraum einen im christlichen Geist aufgefassten Kosmos entgegenstellt. Das Quadrat der Vierung bezeichnet alles Irdische. Es verkörpert Begrenzung und Endlichkeit. Die Vierung steht auch für die vier Urelemente: Feuer, Wasser, Luft und Erde - und damit für den irdischen Menschen. Der Kreis symbolisiert Vollkommenheit, Unendlichkeit, Ewigkeit. Das Heilige erhebt sich über das Weltliche und ruht darauf. Das Gewölbe erschließt die Sphäre der Engel und des Himmels. Der Schlussstein steht für Christus, der in seiner göttlichen Vollmacht den Bau zusammenhält.

4. Der Rhythmus des Raumes
Licht und hell ist der Kirchbau der Gotik. Immer schlanker und höher wachsen die Pfeiler auf. Frei stehen sie im Raum. Sie verlieren das Schwere, das Mauerhafte und werden zu Gebilden aus lebendigen Kraftlinien. Rhythmisch schreitet der Raum voran, Joch folgt auf Joch. Aus den engen, dunklen Gassen der mittelalterlichen Stadt tritt der Gläubige in eine hohe, weite und lichte Halle. Er tritt in den Lichtraum des Göttlichen ein. Der Bau wird zur Vision des Unsichtbaren.

5. Der Dom - Wohnstadt der Heiligen Der Kirchbau lebt.
Heiligenfiguren bevölkern das Bauwerk. Sie empfangen den Gläubigen am Paradiesportal und begleiten ihn auf den Weg durch den Kirchenraum. Sie treten ihm in Lebensgröße gegenüber und sprechen ihn an. Der Mensch braucht Vor-Bilder. Er sucht Leit-Figuren. Die Apostel an den Pfeilern des Domes tragen die Artikel des Glaubensbekenntnisses. Sie leiten an zum Gebet. Der Glaube, so bezeugen sie, ist die lebendige Stütze der Kirche. Maria ist die eigentliche Patronin dieses Domes. Sie ist zugleich das Symbol der Kirche, die sie betreut, hell glänzend schwebt sie über dem Mittelschiff. Von allen Seiten ist sie zu sehen und kann angerufen werden. Der Mensch sucht die Nähe der Heiligen.

6. Der Altar - Christus in unserer Mitte
An einem hervorgehobenen und zentralen Platz steht der Altar, weil er ein Symbol für den gekreuzigten und auferstandenen Christus ist. Um den Altar wird Eucharistie gefeiert. Es bildet sich Gemeinschaft. Von hier gehen Kraft, Wandlung und Ermutigung für das Leben aus. Wer sich um diesen Altar versammelt, kann auch im Alltag nicht mehr an den Menschen vorbeileben - mit ihren Freuden und Sorgen, Fragen und Nöten, mit allem, was sie bewegt.

7. Die Gegenwart der Toten - Tod und Auferstehung
Im Tod sucht der Mensch Beistand. Er hofft auf die Auferstehung am Jüngsten Tag und die Fürsprache der Heiligen. Er vertraut seinen Leib der Kirche an und sucht die Nähe des heiligen Ortes. Das Totenlicht am Grab ist das Symbol dieser Hoffnung. "Lux perpetua luceat eis", das ewige Licht leuchte ihnen, so heißt es im Requiem. Das Vorbild ist die Osterkerze, die im Dunkel der Osternacht neu entzündet wird. Ihr Leuchten symbolisiert die Auferstehung Christi aus der Finsternis des Todes. Christus selbst ist das Licht der Sonne, das nach der Nacht wieder erscheint, die Sonne der Gerechtigkeit.

Auf diese Art können die Steine unserer Kirchen erzählen. In abgewandelter Form können sicher die verschiedenen Bilder übertragen werden auf andere Gotteshäuser, die von Gottes Nähe erzählen. Die Botschaft der Steine wurde bei der Performance durch eine abgestimmte Lichtchoreographie weiter herausgearbeitet und gesteigert. Darüber hinaus gab es Musikimprovisationen an Orgel, Saxophon und Schlagwerk. Sie wechselten ab mit Gesang und Texten, wobei sich moderne Poesie der theologisch-spekulativen Tiefgründigkeit mit jahrhundertealten Quellentexten verband. Eine so konzipierte Performance will den Besuchern weder ein Konzerterlebnis noch eine Light-Show oder einen kunsthistorischen Vortrag bieten; vielmehr sollten Musik, Wort und Licht im Raum zu einem alle Sinne faszinierenden ,,Gesamtkunstwerk" zusammengefügt werden. Darum muss die Lichtgestaltung wie auch die musikalische und textliche Interpretation sorgfältig auf die Architektur des Raumes abgestimmt werden.

Unerwartet viele Besucher wurden durch die Performance angezogen und begeistert. Auch in der Medienwelt stieß dieses Ereignis auf ein sehr positives Echo. Erfreulich ist ebenso, dass diese Idee in anderen Gemeinden und Diözesen aufgegriffen wurde. So wird z.B. überlegt, beim Katholikentag in Hamburg den ,,Wandel durch Licht und Zeit" aufzuführen.
Wir spüren heute in einer oftmals nüchternen und sinnentleert erscheinenden Welt, dass das Wissen um die Zusammenhänge von Leben und Glauben verloren geht. Gleichzeitig spüren wir den Hunger und die Suche nach Orientierung. Menschen suchen Antworten in den Fragen nach dem Woher, Wozu und Wohin unseres Lebens. Hier können die alten Wahrheiten und Weisheiten, die in den Räumen und Orten unseres Glaubens enthalten sind, neu zum Sprechen gebracht werden.

Der "Wandel durch Licht und Zeit" ist ein unkonventioneller Versuch, neue Brücken zu schlagen, damit wir künftig wieder deutlicher sehen, wo Himmel und Erde sich berühren. Die positiven Resonanzen können ermutigen und anregen, Symbolik, Botschaft und christlich-abendländische Traditionen unserer Kirchen wieder mehr oder anders in den Blick zu nehmen. Sie haben uns mehr zu sagen, als wir auf den ersten Blick zu erahnen vermögen.


Quelle: Wandel durch Licht und Zeit - Kirchenräume neu entdecken, hrsg. von Georg Austen, Martin Reinert, Christoph Stiegemann, Andreas Witt. Bonifatius Verlag, Paderborn 1999.