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Der Geruch des Lebens

Predigt zum Heimattag beim Schützenfest

Ein Erlebnis, das mich in einem meiner vergangenen Urlaube stark beeindruckte, war die Begegnung mit Lachsfischen am Salmengletscher in Alaska. Ein Wunder der Schöpfung, was wir dort miterleben konnten. Mir selbst war die Lebensgeschichte der Lachse zwar aus Erzählungen bekannt, hautnah dabei war ich jedoch noch nicht.

Nach der Geburt schwimmen die kleinen Lachsfischchen Tausende von Kilometern durch Bäche, Flüsse und Seen, bis in den Pazifik. Dort leben sie und gedeihen prächtig - falls sie nicht als Delikatesse auf unserem Teller landen. Nach fünf bis sechs Jahren kehren sie an ihren Ursprungsort zurück, um dort zu laichen und zu sterben. Zehntausende von Lachsen lagen am Fuße dieses Gletschers und konnten von herantapsenden Bären leicht gefressen werden. Viele waren schon tot, andere zappelten ohne Nahrung aufzunehmen dem Tod entgegen.

Es ist für mich ein Wunder der Schöpfung, dass diese Fische nach Jahren Tausende von Kilometern gegen die Strömung schwimmen und überhaupt den Ursprungsort ihres Lebens wiederfinden. Ein Wunder, dass sie sich durchtasten können durch all die Flussgegenden, gelenkt vom feinen Spürsinn, der diese Rückkehr ermöglicht. Sie kehren an ihren Ursprungsort, man kann sagen, sie kommen in ihre Heimat zurück. Was ihnen dort bleibt ist das Laichen, also im Ablegen von Eiern, die Lebensweitergabe und dann der Tod.

Ich denke, dies ist gar nicht so weit entfernt von uns Menschen. Wie wichtig ist auch für uns der Ursprungsort, der Ort, wo ich herkomme. Genauso wichtig ist für uns die Lebensweitergabe, das Leben weitergeben, sich fortpflanzen durch Kinder oder an einer Welt mitbauen, die weiterhin dem Leben eine Zukunft bietet.

Heute haben wir viele Gäste unter uns, die zum Heimatnachmittag gekommen sind. Sie haben ihre Familien und Freunde besucht. Sie haben diesen Ort vielleicht aus Berufsgründen, Unternehmungslust, Heirat, manche auch durch Kriegswirren verlassen - ihre Heimat - ihren Ursprungsort. Dabei ist dieser Tag eine gute Gelegenheit unsere Verbundenheit zu feiern und uns zu begegnen. Wir dürfen uns auch freuen, dass viele auswärtige Gäste mit uns feiern.

Wer von ihnen mit offenen Augen durch unseren idyllischen Ort geht wird hautnah mitbekommen, dass auch hier bei uns Menschen leben, die eine neue Heimat suchen. Nach den Umbrüchen im Osten vor einigen Jahren wurden diese Menschen herausgerissen aus ihrem Lebensraum, ihrer Kultur, ihren Beziehungen und ihrer Sprache. Herausgerissen aus Gewohnheiten, Bräuchen und Freundschaften - alles was bis dahin ihr Leben prägte. Manchmal geschah dies von einem Tag auf den anderen. So sind sie auf der Suche nach Heimat bei uns.

Aber Heimat, was ist das überhaupt? Was kann ich in meinem Leben mit Heimat anfangen? Meiner Generation ist dieser Begriff fremd geworden. Er klingt romantisch, manchmal verkitscht. Was macht denn eigentlich Heimat für uns Menschen aus? Ist das der Boden, den ich bebaue, den ich bepflanze, dort wo mein Haus steht, wo meine Familie und ich eine Wohnung haben? Ist das meine Heimat? Sind das Menschen, mit denen ich zusammenlebe in der Familie, im Kulturkreis und der Kirche? Menschen, die mir etwas bedeuten? Ist das meine Heimat?
Oder sind das Werte und Traditionen, die mir wichtig wurden, aus denen und mit denen ich lebe? Macht das mein Heimatgefühl aus?

Die Menschheitsgeschichte zeigt uns wie schnell Menschen entwurzelt werden können. Wie schnell diese Begriffe von Heimat zerstört werden. Menschen werden entwurzelt aus Lebensgemeinschaften, die bis dahin ihr Leben getragen haben. Dies kann geschehen, wenn Kinder ausziehen, Ehen zerbrechen, der Tod ins Haus einbricht oder wenn Menschen einfach aus meinem Leben verschwinden, die bis dahin für mich Heimat bedeutet haben. Dieser Begriff von Heimat wird zerstört, wenn mir Haus und Habe genommen werden, Bräuche und Werte im Wandel der Zeit sich verändern und lieb Gewonnenes verabschiedet werden muss.

Als Mensch so glaube ich, muss ich anerkennen, dass unser Begriff der "Heimat" nicht grenzenlos ist. Paulus schreibt, dass alles auf Erden keine endgültige Heimat hat und auf wackeligen Füßen steht. Alles andere wäre Illusion und Lüge.

In der Lesung konnten wir erfahren, dass Abraham in all der Ungewissheit des Aufbruchs seinen Glauben im Gepäck hatte. Er verlies seine Heimat, um eine neue Heimat zu suchen. Dies hören wir auch oft von Menschen, die durch Kriegswirren und Umbrüche vertrieben wurden und werden. Sie haben neben der Angst den Glauben im Gepäck. Und diesen Glauben kann ihnen keiner nehmen.

Der Glaube ist für mich das Vertrauen in meinen Ursprung. Hier ist die Parallele zu den Lachsen, die den Spürsinn für ihre Herkunft nicht verloren haben. Abraham konnte aus diesem Vertrauen Leben weitergeben. Er hat Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel.

Ich merke sehr deutlich in unserer Gemeinde, dass nicht wenige Menschen die Heimat des Glaubens verlassen. Darüber kann auch eine gefüllte Kirche an Festtagen nicht hinwegtäuschen. Männer und Frauen ziehen aus, werden heimatlos in unserer Kirche und im Glauben. Ich denke dabei noch nicht einmal in erster Linie an die jungen Menschen. Sie sind ein Spiegelbild für das was in der Gemeinde geschieht. Ich denke eher an die mittlere und ältere Generation, die oftmals lautlos und gleichgültig diese Heimat verlässt. Nicht äußerlich. Der Auszug passiert innerlich. Wen wundert es dann, dass sie aus dem Glauben mit Lebensknotenpunkten wie Geburt, Taufe, Hochzeit oder Tod bis hin zur Versöhnung und Messfeier nichts mehr anfangen können. Ohne die Beziehung zu ihrem Ursprung und einen lebendigen Glauben werden sie zu Fremden in der Heimat. Mir wird sozusagen das fremd, was mir sonst als Heimat des Glaubens vertraut gewesen ist.
Natürlich frage ich mich: Welche Gründe hat das? Liegen die Ursachen im Zusammenleben der Gemeinde? Oder finden Menschen in der heutigen Zeit durch die Wurzeln des christlichen Glaubens keine Nahrung mehr? Warum ziehen sie aus dem aus, was für sie wichtig war und ist ihnen dabei wirklich bewusst, was sie damit aufgeben?

Ich spüre allerdings auch, dass vielen Menschen mittlerweile die Welt und das eigene Leben immer fremder werden, dass ich heimatlos werde. Ich lebe in so vielen verschiedenen Lebenswelten. Sie zerreißen mich fast, wenn ich allem Druck und den Erwartungen nachkommen will. Die Welt wird komplexer. Die einen isolieren sich, kapseln sich ab und versuchen sich nach ihrem eigenen Dünken zurecht zu finden. In sich selbst verliebt rotieren sie um sich selbst. Nur die eigenen Wünsche und Bedürfnisse werden zum Maßstab.

Andere machen die unübersehbare Vielfalt zum verwirrenden Verstehensmuster. "Alles hängt mit allem zusammen. Wir schwimmen als Teil einer Welle im großen Ozean, ein neues Zeitalter ist angebrochen."
Esotherik in vielen Spielformen. Freilich es gibt noch andere Reaktionen und manchem klingt dies zu pauschal.
Jedoch, wenn wir ehrlich sind, waren wir noch nie so reich in unserem Land, aber auch noch nie so habgierig.
Wir waren noch nie so satt wie heute, aber auch noch nie so übersättigt und so unersättlich.
Wir hatten noch nie so schöne Häuser (und Kirchen). Wir waren noch nie so versichert und trotzdem so verunsichert.
Wir hatten noch nie so viel Zeit wie heute und waren noch nie so gehetzt wie heute.
Wir sind so hoch entwickelt und dennoch an so vielen Punkten am Ende wie heute.
Was ist dann bei all diesen Erfahrungen meine Heimat?
Heimat ist dort, wo mein Herz zu Hause ist. Als Christen leben wir in einer guten Tradition im Wissen um Gott und seiner Wirklichkeit. Die Freundschaft mit ihm hat für mich zentrale Bedeutung. Sie ist die ent-scheidende Grundlage für meine Lebensgestaltung und mein Weltverständnis.

Wer sagen kann: Du bist mein Hirt! Mir fehlt an nichts (Psalm 23) kann aufbrechen, erste Schritte wagen - auch durch Wüsten, Durststrecken und in die Fremde hinein. Wer zu glauben wagt: Du gehst mit, brichst mit mir auf, bleibst ein Gott mit uns; behält einen langen Atem in Belastungen. Wer in Einsamkeit unter geglückter Gemeinschaft sagt: Du weißt um mich. Du ruft mich bei meinem Namen, du kennst mich und bückst dich nach mir; wer die Gegenwart Gottes wahrnimmt, behält Boden unter den Füßen, wagt sich mutig nach vorn, kann auf dunkle und auch nicht vollends ausgeleuchtete Situationen und Herausforderungen zugehen.

Ich kann noch so viel in meinen Körper, in Haus und Habe investieren, es wird mir letztlich genommen, spätestens im Tod. Wenn mein Herz im Glauben zu Hause ist, dann habe ich einen Schatz, den kein Rost zerstören kann. "Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz." Ich hänge nicht mehr zwischen Himmel und Erde, auch wenn ich getrieben und vertrieben werde. Ich habe die Zusage Jesu, dass unser himmlischer Vater das alles weiß. "Euch aber muss es zuerst um sein Reich, um seine Gerechtigkeit gehen, dann wird euch alles andere dazugegeben. Sorgt euch also nicht um morgen."

So kann ich auch dem Wort "Heimat", das auf allen Schützenfahnen steht, einen Sinn geben. Um nicht missverstanden zu werden, ich meine den Glauben nicht als Vertröstung. Der Glaube will heute greifen, will die Welt verändern und mir die Vision einer christlichen Welt geben. Er macht mir Mut zum Träumen. Ohne Träume und Hoffnungen kann es keine Lebensweitergabe geben. Er fordert mich aber auch heraus, diese Welt im Geiste Jesu zu gestalten, dem Glauben Hand und Fuß zu geben.

o Ich kann uns an diesem Heimattag nur wünschen, dass unsere Nase feinfühlig bleibt wie bei den Lachsen, die den Ursprung ihres Lebens nicht vergessen und an ihn zurückkehren.
o Ich kann uns nur wünschen, dass uns dieser Geruch nach Lebensweitergabe zieht und durch trübe und auch verschmutzte Gewässer in der Undurchsichtigkeit den Weg finden lässt.
o Ich kann uns nur wünschen, dass wir im Glauben eine Heimat finden, dass wir anderen eine Heimat geben und so gemeinsam beheimatet werden.


Der kanadische Indianerhäuptling Dan George sagte einmal:

"Bewahre etwas Glut
von dem Feuer,
das in deinem Dorf zu brennen pflegte,
eines Tages kehr zurück,
damit alle sich versammeln
und eine neue Flamme entfachen können
für ein neues Leben
in einer veränderten Welt."