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Wir haben es uns verdient

oder: die vermarkteten Werte

"Kauf jetzt und zahl später"; mit einem Zug an der Zigarette die große Freiheit einatmen oder durch TUI im Paradies des geglückten Lebens landen "Sie haben es sich verdient!"

Die Massenmedien und die Werbung üben nicht nur einen großen Einfluss auf die Welt der Erwachsenen aus, sie prägen auch die Werteinstellungen der Kinder und Jugendlichen mit. Sie sind zu mächtigen Miterziehern der jungen Menschen geworden. Die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche heute einen großen Teil vor dem Fernseher oder im Internet des Computers verbringen bietet viele Ansatzpunkte die Waren an den Mann und die Frau zu bringen.

Wer dann genauer hinsieht wird entdecken, dass die uns täglich ins Haus gelieferte Werbung voll ist von Sehnsüchten und Werten, die auch den religiösen Bereich berühren.

Als käuflich werden uns häufig in der Werbung folgende Inhalte in Bildern dargestellt oder wachgerufen:

· Schöner und gesünder sein
· Glück und Geborgenheit
· Angesehen und erfolgreich sein
· Lust und ewige Liebe
· Jung sein und erfolgreich
· Sich alles leisten und gönnen können
· Gesichert/Versichert/Abgesichert
· Dazugehören und Harmonie
· Freizeit und Urlaub genießen

Natürlich wissen wir; dass die Methoden durch diese starken Reize uns dann etwas ganz anderes verkaufen wollen und: Krankheit, Gebrechlichkeit, Versagen und andere Schattenseiten des menschlichen Lebens bleiben außen vor. Sie eignen sich nicht für die Werbung. Ganz zu schweigen davon, dass sie die Kassen nicht klingeln lassen. Wenn diese Werbemethode funktioniert, dann finden Kinder und Heranwachsende im multimedialen Werbeverbund ihre Identität und entdecken erst als Käufer ihr eigentliches Ich. Selbstsicherheit und Ich-Vertrauen bleiben dann sklavisch an den Konsum von Gegenständen gebunden. Heranwachsende Konsumenten sollen den Konsum als Mittel zur Selbstüberhöhung einsetzen und dabei materielle an die Stelle immaterieller Werte setzen, so fasst Gerhard Scherhorn, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim, die Lektionen des "heimlichen Lehrplans" zusammen, mit dem Werbung und Massenmedien die Erziehung unterlaufen. Kinder und Jugendliche sollen den Gütebedarf nicht reflektieren, sondern voraussetzen. Sie sollen im Fehlen von Geld keinen Grund für das Unterlassen oder Aufschieben eines Kaufs sehen, bei Geldmangel einen Kredit für eine problemlose Lösung halten. Kurzum, dass blanke Gegenprogramm zu jeder Erziehung - zum geduldigen Abwarten können, zu gelassener Lebensplanung, sowie zum nachdenklichen, abwägenden Verfolgen des roten Fadens im eigenen Leben. Die multimediale Maschine arbeitet auf Hochtouren, um die konsumstiftende Illusion zu verbreiten, Anstrengung und Fallenlassen seien problemlos unter einen Hut zu bringen. über allem herrscht das Lustprinzip "Kauf jetzt, zahl später", "Hol sie dir", sogar "Befriedige deine Lust" - die hochgestimmten Salven der allgegenwärtigen Angebote, die uns von Kindesbeinen an eingetrichtert werden, bereiten schlecht auf die existentiellen Notwendigkeiten der Wirklichkeit vor; in der wir meistens nicht die Wahl zwischen Lust und Frust haben, sondern die Wahl zwischen einer produktiven und destruktiven Unlust. (Gerlinde Unverzagt in: Konsumkinder)

Werbung und Massenmedien bestimmen unsere Lebenswirklichkeiten. Hier gilt es kein Klagelied anzustimmen, sondern die Realität wahrzunehmen und sich damit kritisch auseinander zu setzten. Gerade hier bieten wir in der Jugendarbeit Räume und Ansatzpunkte. In Gruppenstunden und Projekten in Freizeit und Orientierungstagen kann man ohne den Druck des Konsums in den Fragen der Werteinstellungen und einer eigenen gesunden Kritikfähigkeit Akzente setzen. Die Tatsache, dass weniger oft mehr ist wird deutlich in Aktionen wie Minibrot und Dreikönigssingen oder der Aktion Rumpelkammer. Hier wird nicht nur Geld gesammelt es kommen auch die Hintergründe einer gerechten Welt in den Blickpunkt.

Das Mitleben von behinderten Kindern in der Gruppe, die Würde und Einmaligkeit eines jeden Menschen genauso wie die Realität von Krieg, Leid und Gewalt, die in vielen Gottesdiensten angesprochen wird, lässt erahnen, dass sie nicht nur Macher der Welt sind, sondern das die Welt uns in aller Zerrissenheit vom Schöpfer anvertraut wurde.

Die vielen typischen Klischees - Jungen machen ihre Kleidung beim Fußballspielen schmutzig, während dann Mädchen den Weichspüler kaufen - können in den Beziehungs- und Erfahrungsfeldern der Gruppe aufgebrochen werden. Sei es, dass die jungen Menschen im Zeltlager selbst Verantwortung übernehmen müssen oder wie in der jetzt geplanten "Fair gewinnt Kampagne" des BDKJ, das Zusammenspielen von Fähigkeiten mit dem jugendgemäßen Hinterfragen der Weltwirtschaftpolitik erleben können.

Wir können in der Jugendarbeit all die negativen Einflüsse auf junge Menschen nicht verhindern, genauso wenig ist es uns möglich, Kinder und Jugendliche vor Konsumterror zu schützen. Aber wir können mithelfen, dass sie in dem Konsumgewitter angestoßen werden, sich tiefer mit der Lebenswirklichkeit, den Werten und ihren eignen Sehnsüchten im Leben auseinandersetzen.