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Interview mit Generalsekretär Msgr. G. Austen zum Diaspora-Sonntag 2008

"Vom Glauben zu sprechen, heißt, vom Leben sprechen"

"Werdet nicht müde, von IHM zu sprechen" heißt das Motto der diesjährigen Diaspora-Aktion des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken. Redakteurin Carolin Meyer sprach mit dem neuen Generalsekretär des Diaspora-Hilfswerkes, Monsignore Georg Austen, über den diesjährigen Schwerpunkt, welche Fragen die Jugend bewegen und wie Glaubensmüde aufgeweckt werden können.


Monsignore Austen, am 16. November findet bundesweit in allen katholischen Pfarreien der Diaspora-Sonntag statt, der dieses Jahr unter dem Motto steht "Werdet nicht müde, von IHM zu sprechen". Warum dieser Schwerpunkt?

Diese Ermutigung, von IHM zu sprechen, ist nichts Neues für uns. Im Gegenteil - die christliche Botschaft ist die Grundlage unseres Glaubens, aber von Zeit zu Zeit ist es notwendig, sich dies noch einmal bewusstzumachen, um sich des Glaubens zu vergewissern. Wir wollen damit aber auch ein Zeichen setzen, nicht nur über die Ab- und Aufbrüche sowie Umbrüche in Kirche und Gesellschaft zu sprechen, über Strukturreformen, Personalnöte und den Schwund des Glaubens. - Wir wollen von IHM sprechen, von Jesus Christus und seiner Botschaft. Das heißt für uns, dass wir uns nicht nur um Strukturen drehen dürfen. Es geht um die Glaubensinhalte, um die Mitte unseres Glaubens. Und von IHM zu sprechen, heißt: Aus den Wurzeln des Glaubens zu leben, um in eine gute Zukunft zu gehen. Ich würde dieses Motto aber gern noch erweitern. Es geht nicht darum, von IHM zu sprechen, sondern auch mit IHM zu sprechen. Der Glaube ist in unserem Herzen nur lebendig, wenn wir unsere Schätze des Glaubens weiter tragen und weiter erzählen, aber auch durch das Gebet und in der gemeinsamen Feier des Gottesdienstes mit Gott ins Gespräch zu kommen. Wir leben davon, dass uns die Verheißungs- und Hoffnungsgeschichten unseres Glaubens weitererzählt werden. Die Jugendlichen erfahren oft den Glauben wie eine Konservendose, deren Inhalt längst das Verfallsdatum überschritten hat. Das kann und darf nicht sein.

Das Aktionsplakat zeigt einen Jungen, der seiner Oma etwas ins Ohr flüstert. Aber sind es nicht die Älteren, die den Kindern etwas von Jesus erzählen? Warum dieser Perspektivwechsel?

Natürlich ist es wichtig, dass ältere Generationen - Eltern, Großeltern, Erwachsene - den Glauben an die Kinder und die jungen Menschen durch ihr eigenes Vorleben weitergeben, aber auch durch das Erzählen von ihren Hoffnungen, ihren Wünschen, ihren Träumen, ihren Ängsten und ihrer Zuversicht aus dem Glauben. Aber wir stellen auch heute fest, dass viele Erwachsene fremd geworden sind in der Heimat des Glaubens. Sie meinen, dass es irgendwie einen Gott geben muss. Sie bringen ihre Kinder auch zur Taufe und lassen sie zur Erstkommunion gehen, haben aber keinen lebendigen Bezug mehr zu IHM. Sie halten vielleicht noch manche Traditionen aufrecht und geben einige gute Bräuche weiter. Einen lebendigen Glauben und Gottesbezug können sie ihren Kindern und Enkeln oftmals nicht vermitteln, weil sie ihn selbst nicht besitzen, ja ihn vielleicht verloren haben oder er verschüttet ist. Und hier können es dann manchmal die Kinder und jüngeren Generationen sein, die neu auf die Spur des Glaubens führen - mit ihren Fragen, mit ihrem Staunen, mit ihren Erfahrungen, aber auch mit dem, was sie von Gott hören. Und so kommt in den Blick, dass wir voneinander lernen können - die Jüngeren von den Älteren, aber auch die Älteren von den Jüngeren. Ich habe oft erlebt, dass junge Menschen auch Propheten und Prophetinnen des Glaubens sein können, weil sie mich auch durch ihren Glaubensmut und ihr Glaubenszeugnis beeindruckt haben.

Monsignore Austen, die Jugendarbeit zieht sich wie ein roter Faden durch Ihren Dienst als Priester. Warum ist es Ihrer Meinung nach gerade für Kinder und Jugendliche wichtig, vom Glauben zu sprechen? Welche (Glaubens-)Fragen bewegen die Jugend? Und welche Fragen werden und wurden Ihnen gestellt?

Vom Glauben zu sprechen, heißt, vom Leben sprechen. Leider trennen wir heute oft Glauben und Leben voneinander. Der Glaube will aber auch unsere Existenz und unsere existenziellen Lebensfragen berühren. Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Krankheit, Glück, Geburt und Tod, aber auch welche Wertschätzung wir in der Achtung der Menschenwürde und der Schöpfung dem Einzelnen entgegenbringen. Hier ist es wichtig, nicht nur den jungen Menschen zu helfen, das Leben aus dem Glauben zu deuten und zu entdecken, wie die christliche Botschaft unserem Leben eine Orientierung geben kann. Sondern auch, dass die Gemeinschaft der Kirche uns ermutigt und hilft, den Glauben zu feiern und zu festigen. Fragen, die junge Menschen bewegen, bewegen auch Erwachsene. Von Jugendlichen werden sie aber oft authentischer gestellt. Es sind die Fragen: Wie gelingt mein Leben und wie gelingen meine Beziehungen? Es sind Fragen nach dem Woher unseres Lebens und Fragen: Wo finde ich Anerkennung und kann mit meinen Gaben und Fähigkeiten auch landen und vor allen Dingen, wie kann ich sie erkennen? Es sind aber auch Fragen, wie ich mit Enttäuschungen, Scheitern und einer Welt, in der es oftmals Gewalt und Ungerechtigkeit gibt, zurechtkomme. Aber auch die Fragen: Wie kann ich Frieden stiften, wie kann ich in eine lebenswerte Zukunft gehen, und gibt es dort einen Gott, dem ich vertrauen kann und auf den ich bauen kann? Nicht selten ist mir auch die Bitte begegnet, wie kann ich denn beten, wie kann ich diesen Gott näher kennenlernen und wo finde ich Menschen, die mich nicht wegen meines Glaubens auslachen, sondern die mit mir gemeinsam auf dem Weg sind.

Warum tun sich die deutschen Katholiken so schwer damit, über ihren Glauben zu sprechen und sich öffentlich als Gläubige zu bekennen?

In unseren Breitengraden haben wir es vielfach nicht gelernt, unverkrampft über den Glauben und das Leben zu sprechen. Wir können leicht über das Wetter, den Sport, das Fernsehen, die Mode und die neuesten Trends reden, aber selten über uns selbst. Und sich dann noch in der Öffentlichkeit zum Katholischsein und Christsein zu bekennen, das klingt verstaubt und überkommen. Es kostet Mut, und da können wir auch gerade von Christen in der Diaspora, die in der Minderheit leben, lernen, wie sie dort ihr Leben aus dem Glauben gestalten und damit aber auch ein authentisches Zeichen in die Öffentlichkeit geben, wenn dies glaubwürdig nicht nur geredet, sondern auch nach dem Glauben gehandelt wird. Von seinem Glauben zu reden und den Glauben zur Sprache zu bringen, dass wirkt auch missionarisch, weil es von mir und meinen Werten, von meiner Persönlichkeit erzählt.

Im Rahmen des Diaspora-Sonntags führt das Bonifatiuswerk seine vierte Glaubensumfrage durch. Worum geht es da? Und was ist Ziel dieser Umfrage?

In der Glaubensumfrage geht es noch einmal speziell um Einschätzungen, wie wir das Wort Gottes, den Glauben, zur Sprache bringen. An welchen Orten und mit welchen Menschen es geschieht, was uns hindert und was förderlich ist, von IHM zu sprechen. Wir möchten gern durch diese Umfrage Rückmeldungen bekommen von den Menschen, wie sie selbst über den Glauben sprechen, aber auch wie sie ihre Mitmenschen erfahren, wenn es um den christlichen Glauben geht. Die Ergebnisse, die ja nicht den Anspruch der Wissenschaftlichkeit erheben, können für uns so etwas sein wie ein kleiner Seismograph, der uns etwas mitteilt von der Realität und Gegenwart der Glaubenssituation in unserem Land, aber auch helfen kann, in der Zielsetzung des Bonifatiuswerkes, wenn wir Materialien und Unterstützung für das Leben der Gemeinden hier in Deutschland geben möchten, um missionarisch zu wirken und lebendig zu bleiben.

Am Diaspora-Sonntag werden die Katholiken um ein "Zeichen der Solidarität", also um eine Spende, gebeten. Wozu wird das Geld benötigt?

Das Geld wird in vielfältiger Weise benötigt, denn das Bonifatiuswerk kann Katholiken, die in der Minderheit leben, in Deutschland, Skandinavien und im Baltikum nur unterstützen mit der Spende der Gläubigen. Die Unterstützung ist Hilfe zur Selbsthilfe. Wir möchten dazu beitragen, dass auch in Regionen, in denen es nur kleine Gemeinschaften gibt, lebendige Zellen und Gemeinden bilden können, man dort den Gottesdienst feiern kann, dass Katechesen und Sakramentenvorbereitung durchgeführt werden können, dass es Religionsunterricht gibt, dass Räume geschaffen werden - in Kindergärten, Klöstern, Jugendeinrichtungen, auch sozialer Art, wo Menschen eine Beheimatung im Glauben und der Gemeinschaft finden. Wo wir aber auch einladend und offen sind, in dem unkonventionelle Hilfe geleistet wird. Womit aber auch ein diakonisches Zeichen des Glaubens gesetzt wird, der Glaube sozusagen Hand und Fuß bekommt. Beispielsweise das Mehrgenerationenhaus in Hamburg-Wilhelmsburg, die Religiösen Kinderwochen in Ostdeutschland oder das Kloster Helfta in Lutherstadt Eisleben.

Quelle: Bonifatiuswerk