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Lasst uns nicht allein

Interview BDKJ-Diözesanseelsorger Georg Austen
mit Nabila Espanioly, Leiterin des Kinder- und Frauenzentrums “Al Tufula” in Nazareth

Georg Austen:
Täglich hören wir von gewalttätigen Auseinandersetzungen oder Bombenanschlägen aus Israel und Palästina. Wie erlebst du derzeit die Situation?

Nabila Espanioly:

Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, täglich Druck und Leiden zu sehen - ein Zirkel von Gewalt, der weiter und weiter eskalieren wird. Und das ist für mich ein sehr schwieriger und hoffnungsloser Zustand, in dem wir sind.

Georg Austen:
In der Adventszeit und zum Jahresbeginn gab es eine große Postkartenaktion des BDKJ um ein Zeichen der Solidarität mit euch zu setzen. Wie war die Reaktion darauf?

Nabila Espanioly:
Es sind viele Karten angekommen. Es war eine überraschende und schöne Aktion und wir haben uns gefreut, dass von eurer Seite dieses Zeichen gekommen ist. Es gibt etwas Hoffnung, dass wir nicht allein sind und dass wir auch weiter Freunde hier haben. Lasst uns auch in Zukunft nicht allein.

Georg Austen:
Durch die Aktion Dreikönigssingen unterstützen wir das Kinder- und Jugendzentrum Al Tufula in Nazareth. Welche Schwerpunkte versucht ihr in dieser Zeit in eure Arbeit zu setzen?

Nabila Espanioly:
Wir haben immer ein Beratungszentrum gehabt, aber nach den polizeilichen Gewalttaten und Anschläge auf die Nazareth-Kinder und Familien mussten wir unsere Arbeit umstellen. Wir haben eine Hotline für Menschen, die unter Gewalt gelitten haben, besonders Kinder und Familien. Die ersten Anrufer waren Lehrer; die nicht wussten was sie mit den Kindern tun sollten und so haben wir eine Broschüre erstellt. Auch hier erhalten wir Unterstützung vom BDKJ in Paderborn. Er hat uns auch bei der Erstellung eines Büchleins für Lehrer geholfen, wie sie mit Kindern umgehen sollen, wenn sie wieder in die Schule gehen und wie ihnen bei der Verarbeitung ihrer Erlebnisse geholfen werden kann. Es bestehen Workshops, Gruppenarbeit die nicht durch die Schulen durchgeführt werden, in denen die Stressergebnisse unter psychologischer Betreuung auch mit den Eltern verarbeitet werden.
Weiterhin möchten wir eine Aktion durchführen, um Ausdruckmöglichkeiten für Kinder über ihre schrecklichen Erlebnisse zu finden, weil wir die Beobachtung gemacht haben, dass die Kinder aufgrund der Oktobergeschehnisse sehr geringe Ausdrucksmöglichkeiten haben, sie weinen, schreien und schauen nur zu und wir möchten zum Ausdruck bringen, dass Kinder mehrere Sprachen haben sich zu artikulieren wie z. B. durch Malerei, Drama, Geschichte und viele andere Aktivitäten.

Georg Austen:
Du lebst als christliche Palästinenserin in Nazareth, welche Zukunft und welche Aufgaben haben Christen im Heiligen Land?

Nabila Espanioly:
Erst mal dort zu bleiben. Der Druck, dass Christen, Palästinenser im Land jetzt leben, führt zu viel Resignation, Ängste und viele versuchen wegzugehen, um den Umständen zu entfliehen. Es ist wichtig, dass die Menschen in ihren Häusern, Positionen bleiben. Viele versuchen auszuwandern. Leider ist es so, dass die christlichen Palästinenser mehr Möglichkeiten zur Auswanderung haben, als die moslemischen Palästinenser weil die christlichen Palästinenser zum großen Teil besser an Geld kommen, weniger Kinder und daher auch mehr Möglichkeiten haben, sich im Ausland zu integrieren. Daher wird die Situation für alle Palästinenser immer schlechter. Wichtig ist auch, dass wir uns nicht immer nur als christlich oder moslemisch darstellen, sondern wir sind alle Palästinenser Wir müssen unsere Einheit als palästinensisches Volk, Moslems und Christen, für die Zukunft bewahren. Wir müssen beide unsere Einheit sehr gut bewahren um nicht mit den Händen von "teile und herrsche" spielen. Hiermit will ich sehr klar sagen, dass es nicht um Christen und Moslems geht, es geht um Frieden um Einheit und darauf müssen wir gemeinsam hinarbeiten.


Georg Austen:
Fundamentalismus und Gewalt bringen keine Lösung der derzeitigen Situation. Welche Botschaft bringst du uns heute mit?

Nabila Espanioly:
Die Botschaft des Friedens. Ich denke, das ist die einzige Möglichkeit. Mit Gewalt und Auseinandersetzung werden wir alle verlieren, ob es Juden oder Palästinenser sind. Wir müssen den Frieden bewahren. Frieden, der auf Gerechtigkeit gebaut ist, ist die einzige Möglichkeit für uns und deshalb Frieden, der Gewinn bringt für beide - Israelis und Palästinenser. Jahrelang habe ich für Frieden gearbeitet und werde auch weiterhin dafür arbeiten. Die einzige Möglichkeit für eine bessere Zukunft ist, Frieden zu schaffen. Es ist sehr wichtig, zu unterscheiden zwischen Friedensabkommen und Frieden. Man muss lange arbeiten um Frieden zu schaffen, aber in einen Friedensabkommen werden die Bedingungen für einen langfristigen verlässlichen Frieden festgelegt.

Georg Austen:
Was können wir tun um den Frieden bei euch zu fördern?

Nabila Espanioly:
Wie ich vorher schon gesagt habe, ist es sehr wichtig, dass es mehr aktive Aktionen für die Unterstützung der Friedensinitiativen gibt und der Druck auf die Regierungen ausgeübt wird, damit es zum Frieden kommt. Ich weiß, dass die Deutschen sich aufgrund ihrer geschichtlichen Vergangenheit und Schuldgefühle schwer tun, hier zu intervenieren. Aber gerade aufgrund der Geschichte muss man der Forderung nach Verantwortlichkeit nachkommen, dass es nie wieder zu 6 Millionen Morden kommt und nie wieder bedeutet nie wieder Mord für alle. Die Deutschen und die Europäer haben eine sehr wichtig Rolle in diesem Prozess und müssen weiterhin bei uns stehen.