.

Flagge zeigen

Interview mit dem BDKJ-Diözesanseelsorger Georg Austen

Warum macht der BDKJ zu diesem Zeitpunkt eine Aktion "Für ein friedliches Miteinander in Deutschland"?

Georg Austen:
Zum einen nehmen wir in der katholischen Jugendarbeit derzeit mit Erschrecken die Auswirkungen von Gewalt, Brutalität und Vorurteilen gegenüber Fremden und Schwächeren in unserem

Land war. Zum anderen möchten wir das alljährlich stattfindende Friedensgebet, das in diesem Jahr unter dem Leitgedanken steht "Miteinander in kultureller Vielfalt leben" durch ein deutliches Zeichen der Fremdenfreundlichkeit und des friedlichen Miteinanders in Deutschland in der Öffentlichkeit sichtbar machen.

Viele Gruppen und Organisationen unternehmen derzeit Aktionen gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. Gehört es da schon zum guten Ton sich mit einzuhängen und präsent zu sein?

Georg Austen:
Es ist mehr als ein guter Ton, es geht um die Verantwortung von uns als Christen, die Inhalte unseres Glaubens ins Handeln umzusetzen. Das christliche Menschenbild ruft uns auf, die unantastbare Würde jeder Person zu achten. Nichts ist dem Evangelium fremder, als die Fremdenfeindlichkeit. Gerade in der Jugendarbeit tragen wir Sorge dafür, den jungen Menschen dieses Menschenbild, ihre Einmaligkeit aber auch den großen Schatz der Vielfalt von Kulturen und Völkern der Welt nahe zu bringen. Es gilt genau in unserem Lebensumfeld hinzusehen, wo wir Schwächere ausgrenzen. Das können Ausländer, Behinderte, Leistungsschwache oder kranke Menschen sein. Hier wollen wir auch die Jugendlichen und Erwachsenen in Kirchengemeinden und Verbänden wachrütteln, sensibler zu werden, Augen und Ohren zu öffnen.

Die Frage nach Ausgrenzung und Gewalt gegenüber Schwächeren scheint jedoch zunächst eine gesellschaftspolitische Frage zu sein. Was hat diese Frage mit dem Glauben zu tun?

Georg Austen:
Der Glaube prägt für mich meine Weltanschauung, Werte, Haltungen. Diese sind grundlegend für ein gesellschaftliches Zusammenleben. Dabei ist die Würde des Menschen unabhängig vom Urteil anderer. Ausgehend von diesem Menschenbild und der Untastbarkeit der Würde eines jeden Menschen kann ich dann die Kirche, Gesellschaft und Politik mitgestalten. So, wie ich den Glauben nicht vom Leben trennen kann, kann ich auch nicht das politische Handeln unabhängig von meinen Glaubensüberzeugungen sehen.

Bei der Aktion sollen große Fahnen aufgehängt werden und für ein friedliches Miteinander werben. Wie können junge Menschen wirkungsvoll gegen Ausgrenzung und Gewalt gegenüber Fremden und Schwächeren eintreten?

Georg Austen:
Die Fahnen an den Kirchtürmen und anderen Gebäuden sind so etwas wie ein Fingerzeig. Die schwarze und die weiße Nase der jungen Menschen, die sich in diesem Bild berühren, zeigt das man einander riechen kann. Das heißt, es kommt zu einer Begegnung. Wenn ich etwas von einem anderen riechen kann, bekomme ich etwas mit von seinem Lebensstil, von seiner Lebensweise und Kultur. Dies ist bereichernd und erweitert meinen Horizont. Begegnung kann Vorurteile und falsche Parolen abbauen und zu einer gegenseitigen Akzeptanz führen. Dies geschieht schon an vielen Orten der Jugendarbeit, in Jugendgruppen oder Jugendfreizeitstätten. Denken wir an Zeltlager oder Gruppenstunden, an Initiativen im Eine-Welt-Bereich oder gemeinsame Feste. Wir wollen Jugendliche in guter Kritikfähigkeit stärken, einen Rahmen setzen zur Auseinandersetzung mit den Fragen von Gewalt und Extremismus. Notwendige Hintergrundinformationen aus Geschichte und Gegenwart zu geben, ist für mich notwendiger denn je, damit sie selbst auch falschen Strömungen selbstbewusst gegenübertreten können.

Welche Resonanz hat die Aktion bisher gefunden?

Georg Austen:
Bisher sind wir sehr erfreut über das große Echo. Dabei ist zu betonen, dass der 12. Januar erst der Startpunkt sein soll. Es ist ein Anstoß für Aktionen und Initiativen, die auch weitergeführt werden sollen in Gemeinden, Schulen, Gruppen und Verbänden. Es gab aber auch vereinzelt negative Rückmeldungen, "was diese Fahnen an Kirchtürmen sollen", oder "in Deutschland gebe es doch überhaupt keine Probleme. Es wäre alles nur durch die Medien oder Politik gemacht". Natürlich wollen wir durch unsere Aktion einen Diskussionsprozess in Gang bringen, der uns aus der Alltäglichkeit und Routine herausreißt und zeigt, dass wir momentan gefordert sind, bei allem was bereits an Gutem in unseren Gemeinden geschieht. Zugleich ist es eine Chance, über den eigenen Kirchturm zu blicken und Berührungspunkte in Städten und Dörfern zu suchen.

Wie wollen Sie den Diskussionsprozess, den Sie hier beginnen, aufrecht erhalten in einer Zeit, in der es eine Menge Themen gibt und wo viele Menschen schnell vergessen, was sich erst vor wenigen Monaten ereignet hat?

Georg Austen:
Das Wichtigste geschieht an der Basis. Wir können nur Anstöße geben und einen Rahmen setzen. Meine Hoffnung ist, dass diese Anstöße über die Aktion hinausgehen und zu Haltungen führen. Ein begonnener Dialog, der dort geschieht und erlebbar ist, bringt mich in Berührung mit "den Fremden", aber auch "dem Fremden". Oftmals spüre ich keine Fremdenfeindlichkeit, sondern eher eine Fremdenängstlichkeit. Das Wichtigste im Leben geschieht in der Begegnung. Und da bieten unsere Gemeinden in den Gottesdiensten, verschiedensten Veranstaltungen, Initiativen, Chören, Arbeitskreisen, in Jugendgruppen usw. Gute Möglichkeiten, dies immer wieder neu anzugehen. Das Staunen über Gottes Vielfalt der Schöpfung und die Kirche, als eine weltweite Bewegung, ist dabei unserer großes Kapital. Dabei verpflichtet uns der Glaube immer wieder neu, wie es auf der Fahne aus dem Buch Leviticus steht: "Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten".