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"Leuchttürme des christlichen Glaubens bauen" – Monsignore Georg Austen im Interview

Vor einem Jahr übernahm Monsignore Georg Austen als neuer Generalsekretär die Geschäftsführung des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken. Nun ist es Zeit, eine kleine Bilanz zu ziehen und vor allem einen Blick auf die Zukunft des Diasporahilfswerkes zu werfen. Mit Monsignore Austen sprach Norbert Fiedler.

Monsignore Georg Austen im Interview
Monsignore Georg Austen im Interview

Frage: Monsignore Austen, beim Antritt Ihres Dienstes sagten Sie hier im Interview, „das erste, was für mich ganz wichtig ist: Ich steige ein in eine Geschichte. Diese Geschichte möchte ich kennenlernen, bevor ich urteile und bewerte“. Was ergibt sich für Sie aus einer ersten Bewertung dieser Geschichte?

Monsignore Austen: Sicher habe ich mir in meinem ersten Dienstjahr als Generalsekretär einen Einblick in die 160jährige Geschichte unseres Bonifatiuswerkes, seiner Mitarbeiter und seiner Aufgaben verschafft. Wichtig waren mir dabei die vielen Traditionen, aber auch die vielschichtige Weise, in denen das Hilfswerk für die Diaspora wirkt. Als erstes jedoch galt es für mich, wahrzunehmen, was sich derzeit in der Kirchenlandschaft und Gesellschaft verändert. Denn dort stehen wir vor gewaltigen Umbrüchen. Das Kleid der Kirche wird sich verändern. Es muss den derzeitigen Entwicklungen neu angepasst werden: Der Rückgang der Katholikenzahlen, die fortschreitende Säkularisierung, die Personal- und die Finanzfragen, aber auch die Aufbrüche, die es im Kleinen zu verzeichnen gibt. All das müssen wir wahrnehmen und in die Zielsetzung unseres Hilfswerkes hinein nehmen.

 

Frage: Welchen Bezug sehen Sie zwischen dieser Geschichte und die derzeitige Lage der Kirche in Deutschland und in der nordeuropäischen Diaspora?

Monsignore Austen: In allen Umbrüchen ist eine große Ungleichzeitigkeit zu spüren. In unseren deutschen Bistümern werden notwendige und umfassende Strukturreformen angegangen, und es gibt dazu ein intensives Suchen nach dem missionarischen Auftrag unserer Kirche. In Skandinavien hingegen können wir erfreut feststellen, dass die Kirche wächst durch Einwanderer, aber auch durch Konversionen. Das lässt so manchen Kirchenraum zu klein werden. Was uns verbindet, ist die Frage, wie können wir in einer Welt, die sich immer mehr vom Glauben entfremdet, Geschmack am Evangelium vermitteln. Unser Auftrag ist es, die einzelnen Diasporagemeinden in ihrer Sendung für die Welt zu bestärken, so dass sie dadurch Beispiel des Glaubens geben können.

 

Frage: Das heißt, die Kirche in Deutschland muss von den Christen in der Diaspora lernen?

Monsignore Austen: Ja, ich glaube, die gegenwärtige Situation macht es notwendig, genauer hinzuschauen, was wir voneinander lernen können in Bezug auf die Frage, wie kann ich Christ werden und mein Leben aus dem Glauben in der Gemeinschaft der Kirche gestalten. Wir können voneinander lernen wie die Katholiken in einer Minderheit, die sich auch in einem säkularen Umfeld immer weiter in Deutschland ausbreitet, Atemräume des Glaubens schaffen. Wir können weiter voneinander lernen, wie sie im Dienst der Verkündigung, des gottesdienstlichen Handelns und diakonischen Wirkens mit einem gesunden Selbstbewusstsein, das aus einem Christusbewusstsein kommt, die Kirche und Gesellschaft mit gestalten. Denn Diaspora ist kein Nischendasein, kein Wort für Verlassenheit. Es ist ein Wort für Aussaat auf Hoffnung für den missionarischen Auftrag.

 

Frage: Seit Gründung des Bonifatiuswerkes wurde immer wieder aufs Neue die Hilfe den Erfordernissen der Zeit angepasst. Sehen Sie die derzeitige Lage als Grund für eine grundsätzliche Änderung bei den Hilfen oder nur für deren zeitgemäße Anpassung?

Monsignore Austen: Ich denke schon – und das geht auch aus dem Vorhergesagten hervor -, dass die angefragten Hilfen des Bonifatiuswerkes sich den heutigen Erfordernissen anpassen müssen. Die Hilfen sollen dazu beitragen, katholische Christen in ökumenischer Verantwortung in ihrem missionarischen Auftrag zu bestärken, so dass Leuchttürme des Glaubens in der Diaspora entstehen. Das können christlich geprägte Kindergärten und Schulen sein, das können aber auch Wallfahrten, Jugendfreizeiten oder andere pastoralen Initiativen, die bewährten "Religiösen Kinderwochen" oder die Förderung von Pastoralarbeit in sozialen Brennpunkten sein.

 

Frage: Auf welche Schwerpunkte muss sich die Hilfe heute konzentrieren?

Monsignore Austen: Das Bonifatiuswerk steht für verlässliche Kontinuität durch die immer noch notwendige Hilfe beim Bau oder der Renovierung von Gemeindehäusern, Kirchen, Kindergärten, Schulgebäuden oder Klöstern. Dazu braucht es jedoch auch finanzielle Hilfen im diakonischen Bereich oder in der katechetischen Arbeit: Hilfe gilt es überall dort zu leisten, wo die Gemeinschaft des Glaubens erfahrbar werden soll, das Leben vom Glauben her gedeutet und gefeiert werden kann.

 

Frage: Die Hilfen des Bonifatiuswerkes für die Diaspora ließen sich einst in griffigen Schlagwörtern wie „wandernde Kirche“ oder dem Kardinal Frings Wort „Kirchbau ist Dombau unserer Zeit“ fassen. Kann man für heute ähnlich prägnant formulieren?

Monsignore Austen: „Der Einzelne zählt - egal wo“ und „Zeige draußen, was du drinnen glaubst!“ Das sind sozusagen Grundlinien unseres Werkes. Wir wissen, dass der Einzelne in seinem persönlichen Glauben zählt. Gerade in der Diaspora kommt es auf ihn an. Er kann sich nicht im Glauben verstecken. Er kann Zeugnis geben, aber wir wollen auch den Einzelnen wertschätzen und wichtig nehmen, wenn er auf der Suche des Glaubens ist. Zeugnisgeben und Suche, beides braucht unser Glaube. Was wir drinnen im Gebet glauben, was uns trägt und hält, dieses aber auch nach draußen zu zeigen in der Gestaltung unseres Lebens, unserer Gemeinden und diakonischen Handelns, ist gefordert, damit andere entdecken können, das die Kirche und der Glaube einladend sind, aber auch Hand und Fuß haben. Dabei sollten wir Leuchttürme bauen, das heißt, Diasporagemeinden befähigen und unterstützen in ihrer Umgebung missionarisch und beispielhaft zu wirken, eben ein "Leuchtturm“ des christlichen Glaubens zu sein.

 

Frage: Früher lebte die Diasporahilfe vor allem in die ehemalige DDR von zahlreichen persönlichen Partnerschaften…

Monsignore Austen: Gemeinden, Priester und einzelne Gläubige standen damals im regen Austausch mit Katholiken in der DDR. Sie lernten auf diese Weise die Diasporawirklichkeit hautnah kennen und konnten den Menschen nachfühlen, die weit ab von jeder Kirche und größeren Gemeinschaft ihren Glauben leben mussten, und denen in einem kirchenfeindlichen Land der Wind scharf entgegen blies. Leider sind die Partnerschaften mit Gemeinden in der Diaspora sehr zurückgegangen. Dabei könnten sie eine Brücke sein, um zum einen die Situation der Gläubigen beispielsweise in Norwegen oder Island besser zu verstehen und zum anderen das eigene pfarrgemeindliche Leben aus einem neuen Blickwinkel – der Diaspora – betrachten zu können. Schön sind alte Partnerschaftsinitiativen, die neu gelebt werden, wie sie sich beispielsweise momentan im Bistum Eichstätt ergeben.

 

Frage: Viele der in damaliger Zeit errichteten Kirchen werden heute wieder profaniert, auch abgerissen. Wie können die Gläubigen, die die Schließung ihrer Kirchen miterleben müssen, weiterhin als Spender dem Bonifatiuswerk erhalten bleiben?

Monsignore Austen: Die Umwidmung, das Schließen oder gar der Abriss einer Kirche ist immer schmerzhaft nicht nur für die Gläubigen am Ort, auch für den Bischof und das Bistum, für unsere Kirche ganz allgemein. Denn es sieht doch häufig nach Aufgabe und Rückzug, nach Scheitern aus. Ich bin aber überzeugt, dass sich die Verantwortlichen in den Bistümern diese Entscheidung nicht leicht gemacht haben. Unsere Kirchen sind keine Häuser für die Ewigkeit, sondern setzen den Rahmen für das Lob Gottes und die Begegnung der Menschen untereinander. Dabei hat es immer neue Erfordernisse und Entwicklungen in der Kirchengeschichte gegeben. Spender, die diese Veränderungen als Notwendigkeit verstehen und einsehen, werden auch durch ihr Interesse, aber auch durch die Unterstützung in den sich verändernden Strukturen dem Bonifatiuswerk verbunden bleiben.

 

Frage: Wie können in diesen Zeiten überhaupt die Spender so zu sagen „bei der Stange gehalten“ und neue gewonnen werden?

Monsignore Austen: Es wird weiterhin darauf ankommen, Mitchristen zu sensibilisieren, ihre Schwestern und Brüder in ihrem Glauben, die in einer Minderheitensituation leben, materiell zu unterstützen, aber auch gleichzeitig das Anliegen des Bonifatiuswerkes als "Missionsverein für Deutschland" im Sinn des heiligen Bonifatius mitzutragen und neue Akzente im missionarischen Wirken unserer Kirche hier in Deutschland zu setzen. Das ist für uns Chance und Herausforderung zugleich.

 

Frage: Sehen Sie Möglichkeiten, Spender über den Kreis der Kirchgänger oder Kirchen nahen Personen hinaus zu gewinnen, und wenn ja, auf welche Weise? 

Monsignore Austen: Ja, ich sehe nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Notwendigkeit neben den Spendern und Spenderinnen, die uns dankenswerterweise in guter Tradition unterstützen, neue zu gewinnen, was sicherlich auch in der derzeitigen Finanzkrise nicht einfach sein wird. Auch wir erleben in den Kollekten Spendenrückgänge. Genauso erfahre ich aber auch, dass Menschen bereit sind, für bestimmte Projekte, wie beispielsweise einen katholischen Kindergarten, eine katholische Schule oder eine Ordensgemeinschaft, die sich auch sozial engagiert, zu spenden. Ich möchte aber auch betonen, dass es uns nicht nur um das Geld geht, sondern auch um das Mitbeten und sich verwoben und mitgetragen wissen durch das Netz des Glaubens.

 

Frage: Sie haben inzwischen einige der deutschen Bischöfe besucht. Haben Sie bei den Besuchen besondere Anregungen und Hinweise erhalten, wurden Ihnen spezielle Wünsche angetragen?

Monsignore Austen: Es war sozusagen für mich mit unserem Präsidenten Baron von und zu Brenken der Antrittsbesuch. Mir ist es wichtig, gute persönliche Kontakte zu halten zu unseren diözesanen Bonifatiuswerken, zu den Bischöfen, aber auch zu den anderen Mitarbeitern und Mitstreitern zur Unterstützung des Bonifatiuswerkes. Überall sind wir auf ein reges Interesse am Bonifatiuswerk, an seiner Arbeit und seinen Hilfsmöglichkeiten gestoßen.

Wir haben aber auch erfahren, dass es Informationsdefizite gibt, beispielsweise über unsere katechetischen Materialien zur Erstkommunion und zur Firmung, wie auch zu anderen Impulsen für die pastorale Arbeit. Daher haben wir vereinbart, gerade im pastoralen Kontext Möglichkeiten zu suchen, bei hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern die Arbeit des Bonifatiuswerkes vorzustellen und in einen Austausch zu kommen. Uns ist es dabei sehr wichtig, die diözesanen Bonifatiuswerke zu stützen, sowie den Erfahrungsaustausch über pastorale Situationen zwischen den sogenannten mehr Diaspora geprägten und den anderen Diözesen in Deutschland zu fördern.

 

Im Herbst besteht das Bonifatiuswerk 160 Jahre. Zu diesem Anlass ist ein Symposium "Zeig draußen, was du drinnen glaubst! - Missionarische Perspektiven einer Diasporakirche" geplant. Welche Erwartungen knüpfen Sie an diese Veranstaltung?

Monsignore Austen: Das Bonifatiuswerk blickt auf eine 160jährige Tradition zurück. Das ist Grund zu danken und zu feiern. Wir wollen aber nicht jubilieren, sondern diesen Geburtstag zum Anlass nehmen, um genauer hinzuschauen, ein Profil auszuloten und Spuren für die Zukunft zu legen. Vor diesem Hintergrund laden wir dazu ein, in all den Auf- und Umbrüchen, die in unserer Zeit liegen, vor allem auch die Chancen und Möglichkeiten der gegenwärtigen Diasporasituation zu diskutieren. In wissenschaftlichen Vorträgen und praxisorientierten Arbeitskreisen möchten wir dem Leitfaden nachgehen, wie reagieren wir zeitgemäß auf die religiösen Sehnsüchte der Menschen? Welcher missionarische Auftrag ergibt sich aus der zunehmenden Diasporasituation der Kirche? Und nicht zuletzt die Frage, muss nicht der Begriff der "Glaubens-Diaspora" neu definiert werden, wenn Kirche und Gesellschaft in einem tiefgreifenden Wandel stecken? Das Ziel des Symposiums ist es, angesichts der sicher schwierigen pastoralen Situation der Gegenwart nicht in Resignation und Lamentation zu verfallen, sondern gemeinsam nach realistischen Perspektiven für die Zukunft der Kirche in unserem Land Ausschau zu halten! Von der Tagung sollen insbesondere Impulse für Spiritualität, Glaubensweitergabe und diakonisches Handeln im "pastoralen Alltag" ausgehen. Wie gesagt: „Zeig draußen, was du drinnen glaubst!“

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Norbert Fiedler

Quelle: Bonifatiuswerk.de