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Diaspora und Mission zwei Seiten ein und derselben Münze

Diaspora und Mission gehören laut Professor Dr. Michael Sievernich SJ zusammen wie die beiden Seiten einer Münze. Deshalb sieht es der Jesuitenpater auch als selbstverständlich an, dass das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken 1849 im Kontext der Gründungen zahlreicher Missionsvereine für das Ausland entstand. „Mission in der inneren konfessionellen Diaspora und Mission in auswärtigen Gebieten gehörten historisch und sachlich eng zusammen“, betonte der Pastoraltheologe in seinem Vortrag auf dem internationalen Glaubenssymposium des Bonifatiuswerkes in Schwerte. Darin bezeichnete er auch das Wirken des Bonifatiuswerkes in den letzten 160 Jahren als eine Erfolgsgeschichte.

Professor Dr. Michael Sievernich
Professor Dr. Michael Sievernich

Unter dem Titel „Diaspora und Mission in der religiösen Landschaft der Gegenwart“ analysierte Sievernich den Diaspora-Begriff in Bezug auf die Weltkirche und stellte dabei fest, dass Diaspora „keine bedauerliche und zu überwindende Angelegenheit“ sei, sondern „Vollzugsform einer universalen Weltkirche“. Außer in Lateinamerika, den Philippinen und einigen Staaten Südeuropas befinde sich die katholische Kirche fast überall in der Minderheitenposition. Katholische Christen machten in Europa 27 Prozent, in Afrika 12 Prozent und in Asien 10 Prozent der Bevölkerung aus.

Sievernich zeigte in seinem Vortrag historisch und theologisch, dass christliche Diaspora und Mission in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander stehen. Historisch bezieht sich der Pastoraltheologe auf den Ersten Petrusbrief, auch Diasporabrief genannt, und damit auf die frühchristliche Zeit, in der sich die Diaspora als eine christliche Existenzform herauskristallisierte. Die durch die Christenverfolgung des Paulus in Samarien und Judäa zerstreuten Gläubigen, trugen den Glauben weiter, so dass Diaspora schließlich Mission mit sich brachte. Im Gegenzug habe jeder missionarische Aufbruch in andere Regionen zunächst in die Diaspora geführt. Sievernich: „Fremd sind Christen durch die Wiedergeburt der Taufe, ihren sittlichen Lebenswandel und ihren monotheistischen Glauben, der ihr himmlisches Bürgerrecht begründet“. Theologisch bezieht sich Sievernich auf das Zweite Vatikanische Konzil, das selbst der kleinsten Diasporagemeinde, dank der Präsenz Christi, die Funktion als Salz der Erde und Licht der Welt, das in die Welt gesandt ist, zuspricht und damit eine missionarische Beauftragung.

Weiterhin führte Sievernich auf, dass der Begriff Diaspora längst nicht mehr allein auf eine christlich-konfessionelle Minderheitensituation bezogen werden kann. Vielmehr habe aufgrund globaler Migrationsbewegungen die Moderne plurale Diasporasituationen hervorgebracht, kulturelle, ethnische, sprachliche, soziale oder nationale, die oftmals gemeinsam einhergehen. Sievernich umschreibt den Wesenskern all dieser modernen Formen mit den Worten: „Diasporische Gemeinschaften kommen darin überein, dass sie sich von ihrem ursprünglichen Zentrum freiwillig, meist aber unter Zwang entfernt haben und am neuen Ort in der Fremde ,zerstreut’ leben, aber Verhaltensweisen und Erinnerungen beibehalten, die mit der Akzeptanz der neuen Situation einhergehen, aber auch von der Hoffnung auf Rückkehr getragen sein können“.

Der Pastoraltheologe fordert mit Blick auf ein künftiges missionarisches Diasporaverständnis eine neue Aufmerksamkeit für diese vielfältigen Formen menschlicher Diaspora. Die christliche Diasporaerfahrung müsse sich darin eingebettet verstehen. Es gelte sich mit all jenen zu solidarisieren, die in einer wie auch immer gearteten Diasporasituation leben müssen. Als Abgrenzung zu den verschiedensten Formen der Diaspora ist für Sievernich eine besondere theologische Profilierung notwendig. Daraus ergebe sich für ein typisches Profil christlicher missionarischer Diaspora, „dass sie ihre Minderheitensituation nicht primär als bedrohlich oder identitätsgefährdend ansieht, sondern als Plattform für eine glaubwürdige und selbstbewusste Evangelisierung in einem solzialen oder kulturellen Kontext, der das Evangelium nicht kennt, nicht kennenlernen will oder ablehnt.“

Den ganzen Vortrag von Professor Dr. Michael Sievernich
können Sie hier als pdf-Datei anschauen und herunterladen.

Quelle: Bonifatiuswerk.de