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Monsignore Austen im Interview zur Diasporaaktion 2009: Im Glauben nicht alleine

„Der Einzelne zählt – egal wo“ lautet das Motto der Diasporaaktion 2009 des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken. Am Diasporasonntag, am 15. November, sammeln die Katholiken deutschlandweit in den Gottesdiensten für die Belange der Glaubensschwestern und -brüder, die in einer extremen Minderheitssituation leben. Mit dem Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen, sprach dazu Alfred Herrmann.

Monsignore Austen

Frage: Monsignore Austen, worauf richtet das Bonifatiuswerk den Blick mit der Diaspora-Aktion 2009?

Monsignore Austen: Das Motto zum Diasporasonntag lautet in diesem Jahr „Der Einzelne zählt – egal wo.“ Damit schauen wir auf besondere Wesenszüge der Diaspora. „Der Einzelne zählt“ - die Einzigartigkeit und Wichtigkeit jedes einzelnen Menschen als das Ebenbild Gottes macht uns bewusst, dass wir als Gemeinschaft der Kirche Verantwortung tragen für jeden Gläubigen, auch gerade dann, wenn er weit ab von der großen Gemeinschaft lebt. Vor allem Kinder und Jugendliche sehnen sich nach Rückhalt, den die Gemeinschaft im Glauben bietet. Denn vereinzelt als junger Katholik zu leben, gar als einziger unter 800 Schülern den katholischen Religionsunterricht zu besuchen, das erfordert eine besondere Zuwendung der Gemeinschaft der Kirche, die bestärkt, die signalisiert: „Du bist nicht allein mit deinem Glauben. Du hast zahlreiche Altersgenossen, die auch auf Christus setzen, auch wenn du diese in deiner direkten Umgebung nicht antreffen kannst“. Kinder und Jugendliche brauchen Orte der Begegnung und Vorbilder missionarischen Handelns. Das Bonifatiuswerk stellt sich ihnen bestärkend und helfend an die Seite und mit ihm die Solidarität der gesamten deutschen Katholiken.


Frage: Und welche Aufgabe hat der Einzelne in der Diaspora?

Monsignore Austen: Dort, wo wenige Katholiken zerstreut auf einer großen Fläche weit weg voneinander leben, vereinzelt unter einer Bevölkerung, die nicht den Glauben teilt, kommt es auf den jeden Einzelnen an. Jeder ist wichtig für die Gemeinschaft und die Glaubensweitergabe, mit all seinen Erfahrungen und Fähigkeiten. Jeder einzelne kann zur Visitenkarte des Glaubens in einer säkularisierten Gesellschaft werden. Sich dessen bewusst zu werden, und seinen Glauben selbstbewusst zu leben, dabei unterstützt das Bonifatiuswerk die Katholiken in der Diaspora.


Frage: Im zweiten Teil des Mottos „Egal wo“ zeigt sich ein weiterer wichtiger Wesenszug?

Monsignore Austen: Ja, egal wo bedeutet für uns: egal in welcher Lebenssituation, egal in welcher Glaubenssituation, egal wo wir dem Nächsten begegnen: der einzelne Mensch zählt für uns nicht als Teil einer Masse, sondern immer als Ebenbild Gottes. Das hat Konsequenzen sowohl für den Christen, der in der Diaspora lebt, als auch für unsere Arbeit als Diasporahilfswerk.


Frage: Wie sehen diese Konsequenzen aus?

Monsignore Austen: Wir leben in einer Gesellschaft, in der es längst nicht mehr selbstverständlich ist, an Gott zu glauben, der Kirche anzugehören, getauft zu sein. In den östlichen Bundesländern liegt der Anteil der Christen bei 20 Prozent. In deutschen Großstädten geraten die Christen in die Minderheit. In Hamburg leben mittlerweile mehr Muslime als Katholiken. In Düsseldorf machen Christen nur noch 56 Prozent der Stadtbevölkerung aus. Mit 34,4 Prozent liegt die Zahl der Katholiken unter der, die keiner Religion angehören (35,5 Prozent). In München, die Hauptstadt eines als besonders katholisch geprägten Bundeslandes, bekennen sich nur noch 52 Prozent der Einwohner zum Christentum. Aber auch in überwiegend katholischen Regionen, stehen zahlreiche Getaufte fern der Kirche. Wer regelmäßig sonntags in die Messe geht oder sich im Pfarrgemeinderat engagiert, muss sich kritischen Anfragen stellen, die katholisch getauft sind. In solch einer Umgebung kommt es auf das Zeugnis jedes Einzelnen an. Da ist es entscheidend, dass ein Christ in seinem Nächsten, egal ob gläubig oder nicht, das Ebenbild Gottes erkennt und sich ihm entsprechend zuwendet.


Frage: Was bedeutet das für das Bonifatiuswerk?

Monsignore Austen: Nur ein Beispiel: mit dem katholischen Kinder- und Jugenddorf in Leipzig-Markkleeberg unterstützen wir eine Einrichtung, die gelebte christliche Nächstenliebe in einer weitgehend entchristlichten Umgebung praktiziert. In dieses Jugenddorf, das sich um traumatisierte und misshandelte Kinder kümmert, wurde noch nie ein getauftes, also auch noch nie ein katholisches Kind aufgenommen. Das liegt daran, dass in der Region um Leipzig nur 16 Prozent Christen leben. Und gerade deshalb ist es in solch einer Region ungeheuer wichtig, sich diesen jungen Menschen in ihrer Not zuzuwenden, in ihnen das Ebenbild Gottes zu entdecken, sie in ihrer Einzigartigkeit anzunehmen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Stärken und Talente bestmöglich zu entfalten. Diese vorbehaltlose Liebe gegenüber dem Nächsten, egal wo er steht, strahlt aus in die Gesellschaft und verkündet die Botschaft Jesu Christi – oft durch Taten, nicht durch große Worte.


Frage: Das Bonifatiuswerk wurde in diesen Wochen 160 Jahre alt. Wie blickt das Diasporahilfswerk in die Zukunft?

Monsignore Austen: Die Diaspora breitet sich aus und tritt in anderen Erscheinungsformen auf, dies gilt es zu realisieren und darauf müssen wir reagieren. Die traditionelle territoriale Diaspora, in der Katholiken eine extreme Minderheit in einem evangelisch-christlichen Umfeld gebildet haben, wird in manchen Gebieten abgelöst durch eine universale Diaspora, in der Christen insgesamt die Minderheit bilden. Das erfordert in ökumenischer Verantwortung Investitionen in eine missionarische Pastoral. Natürlich wollen wir zunächst weiterhin in bewährter Weise jene, die in der Diaspora leben, in ihrem Glauben stärken und in ihrer Glaubensausübung unterstützen. Daneben werden wir vermehrt in Personen, Orte und Initiativen investieren, die neue Aufbrüche in der Glaubensweitergabe wagen und somit Atemräume des Glaubens eröffnen. Das können Personen sein, die sich darum bemühen, Erwachsenen Glaubensinhalte zu vermitteln. Oder Initiativen, wie die Neugeborenentaschen des Bonifatiuswerkes. Mit ihr können Gemeinden und Verbände auf Eltern zugehen, ihnen zu ihrem Nachwuchs gratulieren, etwas über die Probleme in dieser neuen Lebenssituation erfahren und auf die Taufe hinweisen. Oder wir unterstützen Orte, die einladend sind für alle, wohin ein jeder vorbehaltlos kommen kann, mit seinen Anfragen an Glaube und Kirche, mit seinen Sorgen und Nöten.


Frage: 160 Jahre heißt aber auch 160 Jahre Erfahrung mit Katholischsein in einer Minderheitensituation…

Monsignore Austen: Richtig. Unser internationales Symposium zu missionarischen Perspektiven einer Diasporakirche im September zeigte ganz deutlich, wo Diaspora-Kirche und Nicht-Diaspora-Kirche voneinander lernen können. Die Umbrüche in Kirche und Gesellschaft darf Kirche nicht nur erleiden, sondern sie muss sie im Vertrauen auf das Wirken Gottes gestalten. Das Symposium zeigte dabei einiges auf, wo man heute dabei ansetzen kann. Beispielsweise in der Vernetzung von pastoralen und missionarischen Initiativen, von kleinen christlichen Gemeinschaften, in der Begleitung engagierter Ehrenamtlicher, in den Frage: wie wirkt Kirche künftig in ländlichen Regionen und wie kümmern wir uns neben der Jugend um die ältere Generation?


Frage: Welche Orte könnten das sein?

Monsignore Austen: Beispielsweise die Propstei-Kirche in Leipzig, die in den nächsten Jahren in der Innenstadt neu entstehen soll. Seit die SED die Ruinen der alten Kirche sprengen ließ, war die sächsische Metropole die einzige deutsche Großstadt, in deren Zentrum keine katholische Kirche zu finden war. Nun soll sie mitten hinein in eine Stadt in der nur 16 Prozent der Bevölkerung christlich getauft sind. Sie wird offen stehen für alle Menschen der Stadt. Des Weiteren kann ich Kloster Wechselburg im Vorerzgebirge nennen. Viermal im Jahr kommen hier katholische Jugendliche aus ganz Sachsen zusammen zu einer Jugendvesper, um zu spüren, dass da noch andere gleichen Alters existieren, die ebenso glauben wie man selbst. Dies ist eine Vergewisserung und Ermutigung im Glauben.


Frage: Sie sprechen von einer sich wandelnden Diaspora in Deutschland. Wie sieht die Situation in Skandinavien und im Baltikum aus?

Monsignore Austen: Die Kirche in Nordeuropa befindet sich im Aufbruch. In den letzten Jahren ist sie sehr schnell gewachsen durch Arbeitsmigranten und Flüchtlinge, aber auch durch eine zunehmende Zahl von Konversionen beziehungsweise Taufen. Das stellt die Kirche vor große Herausforderungen. Der Bischof von Oslo, Bernt Eidsvig, spricht von einer Kirche mit „Wachstumsschmerzen“. Zum einen reicht der Kirchenraum nicht aus. In Oslo finden in der Kathedralkirche an einem Sonntag 13 Messen statt. Und trotzdem müssen die Gläubigen bei Wind und Wetter draußen stehen, weil das Gebäude so viele Menschen gar nicht fassen kann. Es fehlt an Kirchenraum. Zum anderen bleiben die Probleme der klassischen Diaspora. Die großen Flächen, die weiten Wege für Priester und Gemeinden bleiben. Und trotzdem, mit einer gezielten Schulpolitik, zahlreichen neuen, vor allem kontemplativen Klöstern, mit der ersten katholischen Hochschule Skandinaviens nach der Reformation bietet die Kirche in Nordeuropa Antworten auf die Fragen und Bedürfnisse der modernen Gesellschaft in diesen Ländern. Mich faszinieren dort immer der Optimismus und die Internationalität der Gemeinden, wenn oftmals Menschen aus mehr als 60, 70 Nationen zur Pfarrei zählen.


Frage: Und was passiert in der Diaspora Estlands und Lettlands?

Monsignore Austen: Hier entstehen zahlreiche Kirchen. Bedürfnisse, die der Kommunismus über Jahrzehnte unterdrückte, treten nun zu Tage. Die Menschen dort leben ihre Religionsfreiheit neu und so entsteht eine ganz eigene kirchliche Landschaft, die der Zukunft Hoffnung verleiht.


Frage: Die Diasporaaktion 2009 wird in Görlitz eröffnet. Vor 20 Jahren wäre dies noch undenkbar gewesen…

Monsignore Austen: Ja, dass wir in diesem Jahr, einen Tag vor dem 20. Jahrestag des Mauerfalls, unsere Diaspora-Aktion in Görlitz eröffnen können, stimmt uns besonders froh. Denn das Bonifatiuswerk bildete über die Jahrzehnte der deutschen Teilung eine wichtige, beständige und verlässliche Brücke zu den Katholiken im anderen Teil Deutschlands dar. Über das Hilfswerk floss ein großer Teil der solidarischen Hilfe der Katholiken im Westen für die Katholiken im Osten Deutschlands. Nicht nur Bauhilfe und Mobilisierungshilfe, sondern auch Unterstützung für die Ausstattung der Gemeinden mit Paramenten und Büchern, Geld für die Besoldung von Priestern und natürlich die Förderung pastoraler Maßnahmen. Die Katholiken in der DDR erfuhren diese Unterstützung durch das Bonifatiuswerk als Stärkung ihrer Glaubensgemeinschaft. Allein durch die Verbundenheit im Gebet mit den Gläubigen im westlichen Teil Deutschlands, fühlten sie sich verwoben im Netz des Glaubens einer Weltkirche, die durch keine Mauer der Welt geteilt werden konnte und kann.

Quelle: Bonifatiuswerk.de