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Predigt von Bischof Dr. Franz-Josef Bode anlässlich des Silbernen Priesterjubiläums von Msgr. Georg Austen sowie des 70. Geburtstags von Georg Freiherr von und zu Brenken in der Pfarrkirche St. Kilian zu Brenken am 22. Mai 2011

Lesung:
Brüder! Kommt zum Herrn, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen. Denn es heißt in der Schrift: Seht her, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, / einen Eckstein, den ich in Ehren halte; / wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde. Euch, die ihr glaubt, gilt diese Ehre. Für jene aber, die nicht glauben, ist dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden, zum Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt. Sie stoßen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehorchen; doch dazu sind sie bestimmt. Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.
1 Petr 2,4-

Evangelium:
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr. Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke! Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater.
Joh 14,1-12

„Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?“ – Es ist gut, liebe Schwestern und Brüder, dass es diesen Thomas im Evangelium gibt, der sich nicht sofort mit den großen Worten Jesu zufrieden gibt. Später wird er sich auch nicht einfach die Erfahrungen der anderen Apostel zueigen machen, wenn er nicht zuvor selbst den Auferstandenen sehen und berühren kann. „Mehr nützt der Unglaube des Thomas zum Glauben als der Glaube der glaubenden Jünger“, hat Gregor der Große einmal gesagt.

Dieser Thomas ist so wichtig. Er steht für viele Menschen bis heute, die das Ziel nicht mehr klar sehen („Wir wissen nicht, wohin du gehst“) und deshalb nach Orientierung suchen („Wie sollen wir den Weg kennen?“) inmitten von tausend Wegen, von tausenden Angeboten, von ungezählten Führern, die sich anbiedern und aufdrängen.

Philippus ist ebenfalls so ein sympathischer Nachfrager und Herausforderer: „Herr, zeig uns doch einfach den Vater, von dem du dauernd redest; das würde uns genügen.“ Auch er steht für die vielen, die endlich mal durchblicken möchten, die nicht ständig mit Worten berieselt werden wollen, sondern Perspektive gewinnen wollen, schnellere Lösungen, Eindeutigkeiten.

Einmal den richtigen Weg finden, einmal durchblicken können, damit mein Leben besser gelingt, damit meine Beziehungen besser gelingen, damit meine Zukunft besser gelingt in all dem Chaos der Gefühle und Herausforderungen. So könnte doch auch deutlicher werden, ob es einen Sinn in allem gibt, ob es so was wie Gott gibt.

Gott sei Dank sind da diese beiden, die noch so fragen, die so nachhaken im Evangelium und auch heute. All zuvielen genügt heute viel weniger, wenn sie ein einigermaßen gutes Auskommen haben oder sowieso nichts mehr von Glaube und Kirche erwarten. Wie soll man auch heute den Weg finden und durchblicken in den diffusen, nebulösen religiösen Möglichkeiten, aus verschiedenen Religionen und Weltanschauungen zusammengesetzt, oder angesichts eines aggressiven neuen Atheismus: Wozu sollte es Gott geben? Zuviel spricht gegen ihn.

Und dann sind da noch die Christen, deren unverständliche Gewohnheiten oft so entleert erscheinen oder es auch sind. Oder die, die sich in Fundamentalismen und Fanatismen ergehen, weil sie anders keine Sicherheiten mehr finden. Da den Weg zu finden, da durchzublicken, ist schon schwer. Dafür stehen Thomas und Philippus.

Die Antworten Jesu sind schlicht und klar: Lasst euch nicht verwirren, lasst euch nicht durcheinanderbringen. Ich bereite euch ein Ziel, das Wohnung und Geborgenheit gibt, einen Platz bei Gott; ich gebe euch Raum beim Größeren. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wer mich sieht, sieht den Vater.

Jesus gibt keine moralischen Anweisungen für die nächsten Schritte, er nennt keine moralischen Voraussetzungen, um den Vater zu sehen. Er lässt vielmehr die Jünger einer Person begegnen, an der kein Weg vorbeiführt. Wer den Weg sucht, wer die Wahrheit seines Lebens finden will und das Leben überhaupt, wird an dieser Person nicht vorbeikommen, ob sie sich in Worten, in anderen Menschen, in der Kirche oder in der eigenen Seele und im persönlichen Gewissen zeigt. Und Jesus lässt keinen Zweifel: Ich bin diese Person, nicht als menschlicher Guru, sondern eins mit Gott.

Deshalb ist es die entscheidende Aufgabe aller Pastoral, allen priesterlichen Dienstes, aller Bemühungen der Kirche um Glaubenskommunikation, um die „Weitergabe des Glaubens“, die lebendige Begegnung mit dieser Person Jesus Christus zu ermöglichen; Räume dafür zu eröffnen, Begegnungen mit seinen Brüdern und Schwestern, mit den Menschen zu ermöglichen, besonders mit den Armen, und von IHM zu erzählen und mit IHM ins Gespräch zu kommen in Gebet und Liturgie.

Darum hat sich die Kirche jeden Tag neu zu bemühen durch die vielfältigen Dienste, durch die Gaben und Fähigkeiten aller. Und darum ist es gut, dass wir das Jubiläum eines Priesters und seines Dienstes zusammen mit dem Geburtstag eines hochengagierten Laien oder besser: Getauften und Gefirmten feiern. So wird deutlich: Nur im Miteinander aller Berufungen in der Kirche – ob geweiht, gesendet, beauftragt, gefirmt, getauft – kann die Vollgestalt Christi in der Welt sichtbar werden, wie der Epheserbrief sagt (Eph 4,13).

Dabei haben die Priester der Zurüstung und der Einheit der verschiedenen Kräfte zu dienen – vor allem durch die Eucharistie. Sie haben die Barmherzigkeit und Vergebung Gottes zu leben – vor allem durch das Bußsakrament und in der Krankensalbung. Und sie haben in ihrer Person überhaupt Christus darzustellen zusammen mit allen, die sich Christen nennen, damit man IHM menschlich begegnen kann.

Den Priester Georg aus Brenken und dem Laien Georg von und zu Brenken verbindet das gemeinsame unermüdliche Engagement für das Bonifatiuswerk, das sich zum Ziel gesetzt hat, alle nur erdenklichen Hilfen zu geben, die Glaubenskommunikation zu fördern, besonders in der Diaspora. Aber nicht mehr nur in der konfessionellen katholischen Diaspora oben im Norden und im Nordosten Europas, sondern auch in der Zerstreuung aller Christen unter den vielen, die nicht einfach mit uns den Glauben teilen oder ihn nicht mehr mit uns teilen.

Wer könnte dafür als Generalsekretär besser geeignet sein als Georg Austen, der nun 25 Jahre Priester ist, zusammen mit einem altbewährten Präsidenten aus derselben Heimat, aus Brenken. Der Ort ist inzwischen schon fast berühmt durch dieses Miteinander zweier Personen, die sich in ihrer großen Verschiedenheit demselben Ziel verpflichtet wissen: nämlich der Begegnung mit Christus und seiner Kirche Raum zu geben in den weiten Räumen der Diaspora.

Wer die Primiz von Georg Austen vor 25 Jahren hier erlebt hat, wird nie gezweifelt haben, „dass aus diesem Kinde etwas würde“ und dass das Silberne Jubiläum gegenüber dem damaligen großen Fest weit größer würde. Fast möchte man glauben, wenn Jesus davon spricht, dass auch der Glaubende Seine Werke vollbringt und sogar noch größere, dass er das Bonifatiuswerk meine.

Denn wer Georg als Vikar, als Pastor, als Jugendseelsorger auf verschiedenen Ebenen und als Sekretär des Weltjugendtags 2005 in Köln erlebt hat in der Bandbreite der unendlichen Vielen, zu denen er Kontakt hat und hält, der wusste, dass nur ein Zirkuszelt und ein Schlossgarten mit viel Platz ausreichen, um die kirchliche Feier zu weiten zu einem solchen Fest, das man hier zu Brenken gestern und heute erleben kann.

Man muss die eigen-willige Verbindung von Seelsorge, Spiritualität, pastoralem Gespür und kaufmännischem Unternehmergeist mit einem Schuss verschlagener Bauernschläue bei Georg Austen kennen. Manchmal sage ich: Wer es mit Georg Austen zu tun bekommt, der gibt entweder bald eine Spende oder hat einen neuen Posten oder er überdenkt sein Testament. Wer ihn so kennt, der weiß, dass er alles tut, um hier und in der Weite der Diaspora Menschen – vor allem jungen Menschen – Wege und Ziele zu eröffnen, die sich an der Person Jesu Christi und am Taufglauben an den dreifaltigen Gott in seiner Einheit und Verschiedenheit orientieren.

Werte vermitteln, Glauben entdecken, Persönlichkeit fördern sind die Ziele seiner Stiftung „Zeig draußen, was du drinnen glaubst“. Das sind die Stichworte, unter denen das geschieht in atemberaubender Tatkraft, in gewitztem Ideenreichtum und in dem zugleich in der Wolle gefärbten katholischen Vertrauen, dass es sich lohnt, sich für den Glauben und die Kirche einzusetzen.

Das strahlt aus, das zieht Menschen aller Generationen und Herkünfte an, das vernetzt und ist genau das, was der Paulusbrief heute in der Lesung sagt: Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, an der alle auf verschiedene Weise teilhaben und in der sich alle gegenseitig brauchen, ob im Priestertum des Dienstes aus der Weihe oder im gemeinsamen Priestertum aus Taufe und Firmung, wie es sich in den beiden heutigen Jubilaren exemplarisch darstellt.

25 Jahre Priester sein, 70 Jahre Leben aus der Taufe im Engagement für viele, viele Menschen mit den Möglichkeiten, die einer geschichtlich so eingewurzelten edlen und wohlhabenden Familie gegeben sind: eine gute Verbindung im Dienste der Glaubenskommunikation in der Diaspora, im Dienste der Kirche, im Dienste dieses Hauses aus lebendigen Steinen, das uns manchmal allerdings eher wie ein Zirkus vorkommen mag.

Die kernige Glaubens- und Hoffnungskraft des heiligen Bonifatius, die Kampfeslust und Einsatzfreude eines heiligen Georg, des Namenspatrons der beiden Jubilare, und die suchende, fragende, nachhakende Bewegung der beiden Apostel Thomas und Philippus im heutigen Evangelium sind ein glückliches Zusammenspiel im Dienst am Glauben der Menschen, denen wir selbstbewusst und sensibel, nüchtern und leidenschaftlich, zielgerichtet und behutsam begegnen sollen. Sie sind ein glückliches Zusammenspiel im Dienst an den Menschen, denen wir den Glauben vorschlagen (proposer la foi), anbieten (nicht feilbieten), hinhalten, indem wir uns selbst dem menschlichen Suchen und Sehnen hinhalten und aussetzen. Paulus sagt es im 1 Thessalonicherbrief unnachahmlich: Ich wollte euch nicht nur am Evangelium teilhaben lassen, sondern an meinem eigenen Leben (vgl. 1 Thess 2,8).

Lieber Monsignore Georg, lieber Herr Baron Georg, danke Ihnen beiden für diesen hohen Einsatz für unseren christlichen Glauben. Wir alle wünschen uns, dass wir und die ganze Kirche noch lange davon profitieren – in der Ihnen je eigenen Art. Denn so erfahren alle wieder neu: Die Freude an Gott ist unsere Stärke (vgl. Neh 8,10). Amen

Quelle: Bonifatiuswerk.de