.

„Die Menschen kennen den Glauben gar nicht“

Die Kirche soll ihre missionarische Arbeit intensivieren, der Papst hat zur Neuevangelisierung aufgerufen. Doch das ist nicht so einfach, wie Monsignore Georg Austen, Bonifatiuswerk-Generalsekretär, im domradio.de-Interview vor dem Neuevangelisierungskongress am Wochenende in Rom erklärt.

domradio.de: Was meint der Papst denn, wenn er über Neuevangelisierung spricht?
Monsignore Austen: Wir sprechen oft davon, wie kann man eigentlich den Glauben weitergeben, die frohe Botschaft, dass sie Menschen erreicht und dass Menschen aus dem Glauben handeln. Gerade im Osten von Deutschland, wo über 80 Prozent der Menschen nicht mehr konfessionell gebunden sind, kann oftmals der Glauben nicht mehr weitergegeben werden. Denn die Menschen kennen den Glauben gar nicht. Wie kann das eben passieren: dass Menschen entdecken, wie wird heute nach dem christlichen Glauben gelebt und wo können wir damit in Berührung kommen.

domradio.de: Was macht das Bonifatiuswerk denn? Ist das auch Evangelisierung in diesem Sinne?
Monsignore Austen: Wir machen erst einmal gar nichts. Wir sind nicht die Macher, sondern wir unterstützen. Wir unterstützen Gemeinden, Initiativen, Orden und Gemeinschaften, die versuchen Rahmenbedingungen zu setzen, damit Kirche leben kann und damit Menschen vom Glauben Zeugnis geben können. Zum Beispiel gibt es in Ostdeutschland die religiösen Kinderwochen, daran nehmen jedes Jahr 18.000 Kinder teil, um mit der Bibel in Berührung zu kommen, aber auch um Gemeinschaft zu erleben. Wir unterstützen beispielsweise in Hildesheim eine Stelle „Kirche für Beginner“. Das geht es um die Fragen: Wie werde ich Christ, wie kann das gehen und wo komme ich mit Menschen in Berührung. Wir haben viele weitere Initiativen, die wir unterstützen, um eben zu sagen, wie kann die Frohe Botschaft heute verstehbar gemacht werden, aber wo kann ich auch Menschen begegnen, die aus dem Glauben leben.

domradio.de: Ist Neuevangelisierung das Gleiche wie Mission? Wo ist da die Grenze zu ziehen?
Austen: Mission heißt für mich, Jesus hat uns als getauften und gefirmten Christen damals den Auftrag gegeben, geht hinaus in die Welt und setzt Euch nicht in die Ordinariate oder in die Büros oder Fachstellen, sondern geht zu den Menschen. Also wirkt missionarisch, gebt das weiter, was Euch im Leben wichtig ist. Wenn das Evangelium Fuß fasst bei den Menschen, wenn sie erahnen, dass die Botschaft Jesu auch für ihr Leben eine Prägung haben kann und nicht irgendein Überbau ist, dann ist das für sie evangelisierend.

domradio.de: Gehen Sie und Ihre Mitarbeiter vom Bonifatiuswerk denn selbstbewusst genug mit dem Glauben um?
Austen: Ich hoffe, dass wir das tun. Wir haben im Moment eine Glaubensinitiative, ein Glaubensmobil, das durch Deutschland fährt, um auch über unseren Glauben auskunftsfähig zu sein, aber genauso auch hinzuhören auf die Fragen der Menschen. Mit einem gesunden Selbstbewusstsein den Glauben vorzuschlagen ist das eine, aber das andere ist, den Menschen auch einen Freiraum zu geben, sich selbst entscheiden zu können. Wir sind ein Hilfswerk, was Katholiken in einer Minderheitensituation unterstützt und dabei zählt für uns der Einzelne und wir machen auch den Leuten Mut, gestaltet auch das, was Ihr glaubt und zieht Euch nicht zurück. Wir wollen nicht an der Welt vorbei handeln.

domradio.de: Der Heilige Bonifatius, dem Sie als Bonifatiuswerk den Namen zu verdanken haben, wurde am Ende für seine Missionsversuche erschlagen. Heute ist das hierzulande nicht mehr ganz so risikoreich. Warum schrecken dennoch viele Menschen davor zurück, zu missionieren oder zu evangelisieren?
Austen: Weltweit sind es schon die Christen, die am meisten mitverfolgt werden. Bei uns hat das vielleicht andere Gesichter, das Nicht-Ernstnehmen oder dass der Glaube als verstaubt angesehen wird und manchmal ist auch das Wort Mission aus den Zeiten der Kolonialisierung oder aus verschiedenen anderen Dingen negativ besetzt. Wir müssen aber auch wieder lernen, auskunftsfähig über den Glauben zu werden und auch sprachfähig, damit Menschen uns verstehen. Und das andere, auch ein Vertrauen zu fassen, wo erlebe ich das denn? Nicht in toten Steinen, sondern in lebendigen Menschen, denen wir im Alltag begegnen. Heute beginnt für mich die Missionierung an den Küchentischen, auf den Schulplätzen, an den Arbeitsplätzen, in den Sozialnetzen des Internets, um dort Menschen Zeugnis zu geben, von dem, was mich erfüllt.

Quelle: Christian Schlegel, domradio.de