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Rede von Pfarrer Georg Austen,
Sekretär des Weltjugendtags,
Deutsche Bischofskonferenz
Gedenkstation am Brandenburger Tor in Berlin

Mit großer Freude begrüße ich Sie und Euch nach dem eindrucksvollen Gottesdienst heute Morgen in der Johannes-Basilika jetzt am Brandenburger Tor, der ersten Gedenkstation mit dem Weltjugendtagskreuz und der Marienikone auf dem Pilgerweg der Versöhnung durch Deutschland.

Das Brandenburger Tor hat in der wechselvollen Geschichte unseres Landes eine starke Symbolkraft für die Menschen in Deutschland und darüber hinaus. Das Tor war und ist ein Symbol der Trennung und der Einheit. Seine Geschichte erzählt von den Hoffnungen und Leiden der Menschen, von Ideologien und totalitären Regimen. Dieses Tor hat Zeiten der Unmenschlichkeit und Zeiten der Freiheit erlebt.

Wie ein Stachel im Fleisch hält es in uns wach, dass immer dann, wenn sich der Mensch das Heil allein vom Menschen versprach, es zum Unheil für den Menschen geworden ist.
Bei imposanten Aufmärschen, Paraden und Fackelzügen wurde hier sogar den Diktatoren des nationalsozialistischen Regimes "Heil" zugerufen. Was für ein Unheil ist für die Welt daraus geworden.

Wie ein Stachel im Fleisch erinnert uns das Tor daran, dass in der Perversion der Unmenschlichkeit unter kommunistischen Tyrannen Menschen von einer Mauer Menschen getrennt und eingesperrt wurden.

Dieses Tor zeigt uns durch seine Geschichte aber auch, dass die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit und Frieden, dass Hoffnung und Glaube, dass Solidarität und Verbundenheit über von Menschen gesetzte Grenzen hinaus nicht ausgelöscht werden können.

In der jüngsten Geschichte ist dieses Tor für uns zum Symbol der Freiheit und Einheit geworden. Und wenn die Jugendlichen gleich das Kreuz durch das Brandenburger Tor tragen werden, wollen wir uns heute in besonderer Weise an Jesu Auftrag der Versöhnung erinnern.

Lesung aus dem zweiten Brief an die Korinther
2 KOR 5,16 - 21

Millionen von Menschen sind in den vergangenen Jahren dem Weltjugendtagskreuz begegnet, und diese Begegnung hat Ihre Herzen berührt, vielleicht weil Sie spürten, dass dieses Kreuz und die Botschaft des Kreuzes etwas mit Ihrem Leben und dem Leben der Welt zu tun hat.
Ich habe den Eindruck: Geschichte gelingt immer dann, wenn der Mensch Gott anerkennt und wenn der Mensch sich Gott gegenüber für sein Leben und Handeln in der Welt verantwortlich weiß.
Papst Johannes Paul II. erinnerte bei seinem letzten Besuch am Brandenburger Tor daran, dass "Freiheit kein Freibrief" ist.

Als Christen haben wir Christus, den Gekreuzigt-Auferstandenen, als Maßstab für unser Leben. Er hat die Welt mit Gott versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen.

Täglich hören wir von neuen Terroranschlägen und der Angst der Menschen vor Gewalt und Leid. Fast unbemerkt ist seit dem Palmsonntag letzten Jahres das Weltjugendtagskreuz durch 26 Länder Europas den Weg der Versöhnung gegangen. Ob in Albanien, Portugal, Schweden oder Litauen immer, wurde das Kreuz als ein Zeichen der Solidarität und Verbundenheit im Glauben von jungen Menschen an junge Menschen weitergegeben.

Ich bin überzeugt, dass durch das verbindende Gebet und die Begegnung im Miteinander der verschiedenen Völker Schritte zur Versöhnung gesetzt wurden, und nur durch Vergebung und durch gegenseitige Achtung, durch Solidarität und Versöhnung kann die Spirale des Terrors durchbrochen werden.

Bis zum Weltjugendtag in Köln wird nun das Kreuz und die Ikone kreuz und quer durch Deutschland ziehen und von Hand zu Hand, von Stadt zu Stadt weitergegeben werden. Wir sind eingeladen, die Tore unserer Herzen zu öffnen und unser Land als Gastgeber für die Welt vorzubereiten.

Bei allen derzeitigen Diskussionen, das Glaubenszeichen des Kreuzes in die Privatsphäre zu verbannen, möchte ich Euch Jugendliche ermutigen:
Redet nicht nur über, sondern stellt euch unter das Kreuz.
Packt dieses Kreuz an.
"Schaut auf dieses Kreuz, kommt ihm ganz nahe, damit ihr erkennen könnt mit welch wunderbarer Liebe uns der Herr geliebt hat…" diese Bitte gab uns unser Papst mit auf den Weg.

Versteckt es nicht, und tragt das Kreuz auf dem Pilgerweg der Versöhnung als Zeugnis unseres Glaubens zu den Menschen. Zeigt damit, dass Ihr nicht angepasst leben wollt, sondern die Gestaltung Eures Lebens und unserer Gesellschaft ausrichten wollt, an der Botschaft Jesu, eine Botschaft, die eintritt für Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit sowie für die Würde jeglichen Lebens.

Mit diesem Kreuz wollen wir nicht militant für das Christentum werben, sondern über die Grenzen unserer Konfession und Sprachen hinaus einladen zur Versöhnung und zum Dialog.

Nicht zuletzt wollen wir durch das Kreuz Mut machen, in Gebet und Gottesdienst unseren Dank und unsere Sorgen, unsere Fragen und unsere Träume - eben unser Leben - vor Gott zu bringen.

Ich wünsche uns, dass von diesem Ort am Brandenburger Tor ein Signal ausgeht in unsere Diözesen, Gemeinden, Verbände und Gemeinschaften, dass dieses Kreuz dazu bewegt, durch die Botschaft Jesu Halt und Orientierung zu finden.

Das Brandenburger Tor steht auch an der Nahtstelle Europas auf dem Weg zur Einheit Europas, so wollen wir besonders für die Menschen dieser Länder beten:

"Gott, Du himmlischer Vater, schau gütig und barmherzig auf Europa.
Schenke unserem Kontinent Einheit und Frieden.
Hilf, dass die europäischen Nationen in der Verschiedenheit Ihrer Kulturen und Ihrer Traditionen einander mit Ehrfurcht und Respekt begegnen.
Hilf uns, Feindseligkeiten und Zerwürfnisse zu überwinden.
Gib uns Kraft, auf dem Weg der Versöhnung über unseren eigenen Schatten zu springen.
Schenke und Freude aneinander,
lass uns einander mit Solidarität und Großmut begegnen, so dass wir uns gegenseitig zur Hilfe und zum Segen werden können.
Himmlischer Vater, begleite und lenke den Weg, den Europa in die Zukunft hineingehen wird.
Lass Europa zu tiefst geprägt sein vom Glauben an Deine Gegenwart und von den Grundwerten, die Du uns in der Heiligen Schrift, in Jesus Christus und der Tradition unserer heiligen Kirche offenbart hast.
Dazu darfst Du uns als Deine Werkzeuge gebrauchen.
Schenke uns den Mut und die Gnade, die Zukunft Europas so mitzugestalten, dass unser Kontinent das Siegel Deiner Liebe, der Barmherzigkeit und Deines Friedens trägt."
Amen.


Palmsonntag, 04. April 2004

Foto: WJT gGmbH
Druck-Version der Rede steht hier zum Download bereit.