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"Bindet ihn los, der Herr braucht ihn." (LK 19,30)

Die Feier der Primiz ist ein Festtag für sie liebe Bonifatiusgemeinde, für die Familie, Freunde, Bekannten und Weggefährten, nicht zu letzt natürlich für Dich, lieber Franz.
Der Anlass für dieses Glaubensfest ist die Priesterweihe. Wir haben Grund zu feiern, weil die Lebensentscheidung eines Menschen Priester zu werden, auch uns ermuti-gen kann für den Weg unseres eigenen Christseins.
Lange habe ich überlegt, was ich heute sagen könnte und bin immer wieder bei Deinem Primizspruch "Bindet ihn los, der Herr braucht ihn." gelandet.

Diese Szene begegnet uns im Palmsonntagsevangelium. Jesus beauftragt seine Jünger den Esel loszubinden. Er braucht ihn für den Einzug in Jerusalem.
Die Spannung zwischen Bindung und Losbindung ist auch bei uns Menschen ein lebenslanger Prozess. Wir brauchen die Bindung an Menschen, Werte, Ziele, an Gott, um nicht im luftleeren Raum zu hängen. Wir müssen uns immer wieder neu entscheiden, - uns losbinden - bei der Entwicklung unseres Lebensweges; im Beruf, in der Beziehung zu Menschen, zu Aufgaben, die uns gestellt werden oder einfor-dern.
Wer sich dann als Christ zum Priesterberuf entscheidet, der muss wie jeder Christ zunächst die Plausibilität der christlichen Botschaft und die Glaubwürdigkeit Jesu Christi entdecken. Wenn wir uns an ihn binden, dann sehen wir in ihm die Antwort unserer Sehnsucht und gehen den Weg mit ihm als Herrn und Freund. Um diese Lebensbindung einzugehen, muss ich mich aber auch von anderen Dingen losbinden oder losgebunden werden: z.B. in gewisser Weise von meiner Familie, meinen Beziehungen. Bei Dir lieber Franz, war es die "Losbindung" vom Arztberuf, einen ande-ren Berufsweg, eine andere Berufung zu suchen. Aber durch den Weg des Studiums auch und gerade mit jungen Christen, die Du in dieser Zeit in der Studentenverbindung getroffen hast sowie nach vielen Auseinandersetzungen mit dem Glauben und der Kirche, hast Du zu Deiner Berufung gefunden. Es war ein langer Weg auf der Suche nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Vielleicht hat manch einer diese Entscheidung hinterfragt oder auch nicht verstanden.
Durch Deine konkreten Lebenserfahrungen auch mit kranken Menschen hast Du ge-spürt, wenn ich mein Leben aus dem Glauben gestalte und so Gott bezeuge, dann bewege und bewirke ich etwas. Dieser Ruf, diese Berufung, lässt uns wissen: Er braucht Dich. Christus braucht Menschen, um seine Botschaft weiter zutragen. Unse-re Kirche braucht Priester, die durch ihren Dienst einladend sind, Menschen eine Beheimatung geben, die notwendigen Aufgaben anpacken. Nicht als Herren über den Glauben, sondern als Helfer zur Freude.
Ich kramte in einem Buch und entdeckte dort von den alten Kirchenvätern drei schö-ne Bilder und Beschreibungen von Landtieren, die den Auftrag und die Sendung des Priesters verdeutlichen. Denn eigentlich kommst Du ja, wie ich, vom Land und Deine erste Dienststelle als Vikar liegt nun auch wieder in einer ländlichen Region in Delbrück, nicht weit entfernt von Deinem Geburtsort Salzkotten.
Als kleines Geschenk habe ich Dir einen Esel mitgebracht. Er ist das erste Tier, das in einer Zoologie des priesterlichen Amtes der Erwähnung bedarf. Ich will nicht sagen, dass Du ein Esel bist, aber Du wirst hin- und wieder als Esel dastehen. Denn man sollte aber auch nicht vergessen, dass die allergrößte Würde für einen Priester genau darin liegt ein Esel zu sein. Esel werden - man denkt nur an den Palmsonntagsesel- von Christus geritten. Christus ist der, der führt. Der Esel kann keine großen Sprünge machen, hat jedoch manchmal dadurch Zeit auf dem Weg zu träumen, und da es ohnehin nicht einzusehen ist, wie man in einer Welt, wie der heutigen, Christ und gar Priester sein kann, muss man den Mut haben, ab und zu als Esel da zustehen. Die entscheidende Frage kann nur lauten, ob wir Priester uns als störri-sche oder dienstbereite Esel präsentieren, die sich nur von Christus reiten lassen.

Ich meine, lieber Franz, auch an Dir eselhafte Züge zu entdecken. Du bist kein Mensch, der große Sprünge macht. Reflektiert und strukturiert gehst Du Deinen Weg und nimmst Verantwortung wahr. Du kannst zugeben, wenn Dir etwas nicht liegt oder Du etwas falsch gemacht hast. Oft wünsche ich uns Priestern, auch mehr den Mut, unsere Schwächen zu zeigen und Fehler einzugestehen, damit deutlich wird, dass das Heil der Welt nicht von uns abhängt und wir selbst Menschen bleiben. Eigne Dir, lieber Franz, aber nicht die Fehler des Esels an: Den Eigensinn und die Trägheit.

Das andere schöne Bild der Landtiere ist das Bild der Henne, die ihre Küken zusammenruft. Um von vorn herein Missverständnisse auszuräumen: Ich meine keine Glucke, die matronenhaft die Küken besetzt und unmündig hält - im Gegenteil: Anknüpfend an die Mütterlichkeit Jesu Christi, der am Kreuz, mit offenen Armen uns Menschen im Schatten seiner Flügel birgt, wird mit diesem Bild uns Priestern ans Herz gelegt, sich nicht in väterlicher Strenge mit erhobenem Zeigefinger, sondern in mütterlicher Werbung den Menschen zuzuwenden. Denn wie das Küken nur zur Geburt kommt, wenn Küken und Henne zusammenarbeiten, wenn also nicht nur die Henne von außen pickt, sondern wenn auch das Küken von innen mit seinem Schnäbelchen sägt, so kann auch der Priester keine andere Sendung haben, als die Mithilfe, die Leuchtspuren Gottes im Leben eines jeden Menschen ausdrücklich zu machen und gläubig zu deuten. Sozusagen die Dinge und Hoffnungen, die auf den ersten Blick nicht zu sehen sind, in jedem Menschen selbst entdecken zu helfen. Jesus selbst hat seine Sendung in Israel damit umschrieben, dass er gekommen sei, die Menschen Israels um sich zu sammeln, wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt. Es gibt ja wohl kein menschlich intimeres, liebenwürdigeres und zärtlicheres Bild für die Lebenshaltung Jesu gegenüber den Menschen, als dieses Bild von der Henne. Dies sollte für uns als Priester wegweisend sein, die wir im Auftrag Christi handeln.

Lieber Franz, Du hast viele Fähigkeiten einer guten, liebenden Henne. Das weiß ich aus Deiner Studienzeit durch viele Begegnungen und Gespräche mit Dir. Das weiß ich aus Berichten von Deinen Praktika oder der Zeit des Diakonats. So wie Du Dich auf Delbrück freuen darfst, dürfen sich auch die Menschen der Gemeinde auf Dich freuen. Denn Du bist sensibel und interessiert an den Fragen und dem Suchen der Menschen sowie ihrer Geschichte. Erhalte Dir die Ruhe und diese Fähigkeit, damit in aller Hektik unseres Allrounddienstes, die entscheidenden Aufgaben des Priesterseins, ihre Farbe und Tiefe behalten. Auch wenn es zum Schmunzeln einlädt, wünsche ich Dir die Henne als geistliches Vorbild. Dann wirst Du von selbst den Mut bekommen, dem Hahn nachzueifern.

Dies ist das dritte schöne Bild, mit dem in der Tradition der Kirche, der Dienst des Priesters umschrieben worden ist. Denn der Hahn ist dasjenige Tier, das den Morgen ankündigt, weil es den Tagesanbruch spürt, noch ehe die Sonne aufgegangen ist. Genau so bist Du dazu gesandt, den Anbruch der Gottesherrschaft in der Frühe un-serer Tage anzukündigen, durch den entschiedenen Mut, die schlafenden Menschen und die schläfrige Welt - und Kirche - aus ihrer Verschlafenheit zu wecken, aus der Verschlafenheit und Selbstgerechtigkeit. Solche Zwischenrufe gehören zu unserem Dienst, in der heutigen Welt, um die wir uns nicht herum drücken dürfen. Jesus hat uns den Auftrag gegeben, den Armen eine gute Nachricht zu bringen, den Gefangenen die Entlassung zu verkünden, den Blinden das Augenlicht und die Zerschlage-nen in Freiheit zu setzen. Das heißt für mich nicht nur, einer weggelaufenen Kirchlichkeit hinterher zu trauern, sondern die Gefangenschaften des Menschseins heraus zu spüren, die Verblendungen der Sattheit wahrzunehmen und die Zerrissenheit der einen Welt heilen zu helfen. Auf diese Weise bauen wir mit am Reich Gottes.

Auch hier habe ich Dich schätzen gelernt, lieber Franz. Du machst keine Unterschiede, ob Du zu alten oder zu jungen Menschen gehst, zu Armen oder Reichen, zu Gesunden oder Kranken. Du versuchst mit deinen Stärken und Schwächen jeden in seiner Lebenssituation ernst zu nehmen so wie es Dir möglich ist.

Um in den Anforderungen und den Erwartungen, die an den Dienst des Priesters gestellt werden, nicht unter zu gehen, brauchst Du freilich eine gute Portion Glaubensmut, in der gegenwärtigen Welt und Kirche. Der Priester wird längst nicht mehr auf Händen getragen und so manches Mal scheitern. Gerade deswegen, aber nicht nur aus diesem Grund, brauchen wir den Lebensrhythmus des Gebets und die lebendige Beziehung zu Christus in der Feier der Eucharistie sowie der anderen Sakramente. Wir brauchen diese lebendige Beziehung zu IHM, damit wir gebraucht werden können und nicht so schnell verbraucht sind. Ich weiß, lieber Franz, wie wichtig Dir das Gebet und auch die Verbindung zu einer geistlichen Gemeinschaft ist. Denn oft laufen auch wir Priester zusätzlich Gefahr, zu bürgerlich zu werden und uns manchmal aus Bequemlichkeit den gesellschaftlichen, repräsentativen Erwartungen anzugleichen. Es geht aber nicht darum, nur zu sehen was kommt an, sondern was kommt durch mich als Christ über. Es geht letztlich um die Authentizität meiner Person und die Glaubwürdigkeit vor Gott, den Menschen und vor mir selbst.

Liebe Gemeinde,
diese Anfrage der Glaubwürdigkeit und einer authentischen Beziehung zu Christus gilt uns allen. Nicht nur den Christen, die sich entschieden haben, Priester oder Ordenschrist zu werden oder einen Pastoralberuf zu ergreifen. Denn das besondere Priestertum und das allgemeine Priestertum, die besondere Berufung und allgemeine Berufung zum lebendigen Christsein, sie sind zwei Seiten der einen Münze, die wir Gemeinschaft der Kirche nennen. Keine Seite ist ohne die andere denkbar. Die Primizfeier und das Pfingstfest, das wir begehen, kann für jeden von uns ein Anstoß sein, unsere eigene Berufung zu hinterfragen und uns auf den Grundauftrag unserer Kirche zu besinnen. Ich möchte Dir nur wünschen, lieber Franz, dass Du auf dem weiteren Weg gute Begleiter und Verbündete suchst und findest. Denn als Einzelkämpfer, glaube ich, gehen wir als Priester drauf und unter. Für mich selbst wäre ohne die Gemeinschaft von Verbündeten in der Gemeinde und darüber hinaus - an anderen Orten - meine Berufung und meine Lebensform nicht denkbar. Denn das Miteinander Christsein in unterschiedlichen Vollzügen und Aufgaben wird zu einer gegenseitigen Bereicherung, in der Vielfalt sowie Einheit unserer Kirche.

Lieber Franz, die Henne, der Hahn und der Esel, die ich ein wenig als geistliche Wegweiser vorstellen wollte, schließen sich gegenseitig nicht aus. Sie fördern sich vielmehr wechselseitig. Denn nur wer nach Hennenart schlafen kann, weil er glaubt und im Gebet verankert ist, kann auch nach Hahnenart ein provokativer herausrufender Frühaufsteher sein und die Menschen mit der guten Nachricht Gottes aus ihrer Verschlafenheit wecken, weil er nicht nur den Gegenwind der heutigen Welt spürt, sondern auch und noch mehr an den kräftigen Rückenwind Gottes glaubt. Er kann auch nach Eselsart alle Sorge dafür aufwenden, dass sich in der Kirche nicht alles um die Kirche dreht, sondern um Gott, der in Jesus Christus für uns ein Gesicht bekommen hat. Daher möchte ich Dir, lieber Franz, die drei Tiere als Vorbilder mit auf den Weg geben und wünsche Dir, dass Du dazu beitragen kannst, dass die Menschen, denen Du begegnest, immer mehr Hennen werden, die schlafen können, weil sie glauben, dass die Menschen immer mehr Hähne werden, die früh aufstehen und die Welt aus der Verschlafenheit wecken, mit der grandiosen Botschaft von der neuen Zeit Gottes, die mitten in unserer zerrissenen Zeit anbricht, und dass die Menschen auch immer mehr Mut bekommen, Esel zu werden, die sich nur von Christus reiten und leiten lassen.
Solchen Glaubensmut und diese Gelassenheit aus dem Glauben zu leben, wünsche ich uns allen zum heutigen Pfingstfest.

Pfarrer Georg Austen
www.georg-austen.de