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"Wir sind gekommen, um IHN anzubeten" (Mt 2,2)
Der XX. Weltjugendtag 2005 als geistlicher Weg

Ansprache
26. Februar in Norwegen

Liebe Freunde,
liebe Schwestern und Brüder!

Der XX. Weltjugendtag, den wir in 165 Tagen in Deutschland feiern wollen, steht unter dem Motto: "Wir sind gekommen, um IHN anzubeten." (Mt 2,2) Das ist ein Wort der Heiligen Drei Könige, die - nach dem Matthäusevangelium - nach Bethlehem gekommen sind, um dem neugeborenen Jesus zu huldigen. Die Gebeine der Heiligen Drei Könige werden seit Jahrhunderten in der Kathedrale von Köln verehrt. Unzählige Menschen sind im Laufe der Geschichte an diesen Ort des Glaubens gepilgert. Auch der Weltjugendtag versteht sich als ein Pilgerweg junger Menschen - als ein Ort, wo wir mit den Wurzeln unseres Glaubens in Berührung kommen.

Die Erzählung von der Erscheinung des Herrn aus dem Matthäusevangelium bildet einen geistlichen Rahmen, einen Leitfaden für das, was wir beim Weltjugendtag in Köln erfahren und erleben wollen. Ich möchte Sie im Folgenden anhand von fünf Worten aus dieser Perikope in die geistliche Vorbereitung zum Weltjugendtag einführen.

I.

Das erste Wort heißt: "Wir haben seinen Stern gesehen und sind gekommen!" (Mt 2,2) Eine Initiative Gottes, ein Ruf und eine Wegweisung durch den Stern beantworten die Weisen mit ihrem Aufbruch. Aus dem Osten brechen sie auf und ziehen in ein fernes unbekanntes Land. So folgen auch die jungen Menschen, die zum Weltjugendtag kommen, einer Einladung. Zunächst kommt diese Einladung von unserem Papst. Übernatürlich gedeutet, können wir freilich sagen, es ist eine Einladung Gottes, sich auf den Weg zu machen, das eigene Leben als Pilgerweg zu verstehen und neue Orientierung bei Jesus Christus, dem wahren König der Welt, zu suchen. Er ist der Bruder aller Menschen geworden und zeigt uns, dass wir über alle Grenzen der Sprachen und Nationen hinweg Schwestern und Brüder sind. Sich aufzumachen nach Köln, heißt, einem Ruf zu folgen, das gewohnte Leben für eine Zeit hinter sich zu lassen, gewisse Unannehmlichkeiten und Kosten auf sich zu nehmen und sich auf eine intensive Erfahrung und ein kleines Abenteuer einzulassen, von der man im Voraus noch nicht wissen kann, wie sie ausgeht. Die drei Weisen brechen auf, und sie haben einen langen Weg miteinander, bis sie ihr Ziel erreichen. So ist es auch für die jungen Menschen aus aller Welt ein weiter Weg bis zum Weltjugendtag in Deutschland im nächsten Jahr. Die Zeit der Vorbereitung und des Weges zu diesem Glaubensfest bietet Gelegenheit, die anderen Menschen, die mit auf dem Weg sind, kennen zu lernen, sie wahrzunehmen und etwas über ihre Lebenssituation zu erfahren.

In der unmittelbaren Vorbereitung auf die Tage in Köln denken wir hier vor allem an die Tage der Begegnung in den deutschen Diözesen. Sie werden zu Gast im Bistum Osnabrück sein. In diesen Tagen werden die Begegnungen über die Grenzen von Kultur, Sprache und Mentalitäten hinweg und das Teilen des Glaubens in der je eigenen Situation im Vordergrund stehen. Die Gäste aus aller Welt sind eingeladen, die Situation der jungen Menschen und der Kirche in Deutschland kennen zu lernen. Sie kommen in das Stammland der Reformation; in ein Land, das nach der Wiedervereinigung auf der Suche nach einer guten Zukunft ist; in ein Land, das aus christlichen Wurzeln lebt, aber auch spürt, dass vielen Menschen der christliche Glaube fremd geworden ist. Die jungen Menschen und ihre Familien in Deutschland freuen sich auf die Begegnung mit den Jugendlichen aus anderen Ländern. "Gäste sind ein Segen", ist unser Leitwort für diese Tage, und wir sind überzeugt, dass der Besuch von Menschen aus der ganzen Welt, die ihren Glauben mit uns teilen in der Tat ein großes Geschenk für die Jugend und die gesamte Kirche in Deutschland sein wird. Wir hoffen, dass alte Partnerschaften zwischen den Ländern gepflegt und gefördert und dass neue aufgebaut werden können. Ebenso soll etwas erfahren werden von den Fragen und Hoffnungen sowie vom gemeinschaftlichen Leben der Jugendarbeit in Bewegungen oder Verbänden, in Orden oder Gemeinschaften. Die Kirche als weltumspannende Gemeinschaft zu erleben, das ist eines der zentralen Ziele des Weltjugendtags in Köln.

Ein Projekt, das wir im Rahmen der Tage der Begegnung vor dem XX. Weltjugendtag erstmals in allen Diözesen durchführen wollen, ist der so genannte "Tag des Sozialen Engagements". Unter dem Leitwort "under construction" soll etwas vom sozialen Gesicht der Botschaft Jesu greifbar werden. Der Glaube soll sozusagen "Hand und Fuß" bekommen. Die deutschen Jugendlichen werden ihren Gästen von sozialen Problemen in ihrer Gemeinde berichten, und in vielfältigen sozialen Projekten werden Gäste und Gastgeber gemeinsam exemplarisch die diakonische Dimension der Kirche zum Ausdruck bringen. So wird deutlich, dass der Aufbruch zum Weltjugendtag in unserer konkreten, vielfach zerrissenen und eben nicht heilen Welt beginnt. Wer Gott lieben will, der kann ihn nicht an den Menschen und ihren konkreten Lebenssituationen vorbei lieben.

II.

Das zweite Wort aus der Epiphanieerzählung, das ich näher in den Blick nehmen möchte, heißt: "Wo ist der neugeborene König? Wir sind gekommen, um IHN anzubeten!" (Mt 2,2) Als die drei Weisen nach langer Reise Jerusalem erreicht haben, fragen sie nach dem neugeborenen König der Juden. Sie suchen Orientierung, wollen wissen, wie es weitergeht. Diesen Vorgang erleben auch die jungen Menschen, wenn sie nach ihrer langen Reise in Köln angekommen sind. Die Zeit von Dienstag bis Freitag während des Weltjugendtags in Köln können wir als eine Zeit der Orientierung und des Dialogs verstehen. Der Weltjugendtag möchte eine Schule des Glaubens sein - und zwar eine Schule, die nicht nur den Intellekt, sondern den Menschen in seiner Ganzheit anspricht.

Da sind zunächst die Katechesen, die den Glauben ins Gespräch bringen. Mit folgenden Themen sind die Katechesen überschrieben: "Mit den Zeugen des Glaubens pilgern", "Die Wahrheit als tiefen Sinn menschlicher Existenz suchen", "Christus in der Eucharistie begegnen" und "In der Welt als wahre Anbeter Gottes leben". Dann wird es eine Wallfahrt zum Schrein der heiligen Drei Könige in der Kathedrale geben - ein Vorgang, bei dem es ebenfalls um die Suche nach Orientierung und das Maßnehmen an ehrwürdigen Vorbildern aus der Tradition des Christentums geht. Auch das Jugendfestival mit seinen vielfältigen kulturellen, spirituellen und sonstigen Angeboten ist Teil dieser Schule des Glaubens. In Konzerten, künstlerischen Darbietungen, Diskussionen und anderen Treffen können die jungen Menschen den Glauben umfassend erleben. Der Weltjugendtag bietet gewissermaßen die Gelegenheit, für ein paar Tage in eine durch und durch vom christlichen Glauben geprägte Welt einzutauchen. Die Atmosphäre des Weltjugendtags hat einen ausgeprägt katholischen Charakter, was zum Beispiel in dem umfassenden Angebot des Sakraments der Versöhnung und in der täglichen Feier der Heiligen Messe zum Ausdruck kommt. Dabei ist der Weltjugendtag keineswegs nur eine Veranstaltung für fromme Katholiken. Vielmehr schreibt der Papst in seiner Botschaft zum XX. Weltjugendtag: "Die Einladung, am Weltjugendtag teilzunehmen, gilt auch euch, liebe Freunde, die ihr nicht getauft seid oder die ihr euch nicht mit der Kirche identifiziert. Habt nicht auch ihr Durst nach dem Absoluten, und seid nicht auch ihr auf der Suche nach ‚etwas', was eurer Existenz einen Sinn gibt?" (Nr. 6)

Besondere Höhepunkte bilden für die jungen Menschen erfahrungsgemäß die Begegnungen mit dem Papst. Eine erste Begegnung der Jugend mit dem Papst wird es bei der Willkommensfeier am Donnerstag, dem 18. August, geben. Papst Johannes Paul II. ist eine von vielen Jugendlichen sehr geschätzte und verehrte Persönlichkeit. Auch er gibt den jungen Leuten Orientierung. Seine Vision der Hoffnung ist es, die den fröhlichen Geist der Weltjugendtage prägt, und in seinen Botschaften, Reden und Predigten fordert er die jungen Menschen unermüdlich auf, Christus anzuschauen, auf ihn zu vertrauen und das eigene Leben an ihm zu orientieren. So sagt der Papst etwa in der Botschaft zum XX. Weltjugendtag: "Betet Christus an: Er ist der Fels, auf dem ihr eure Zukunft und eine gerechtere und solidarischere Welt baut." (Nr. 5)

Die dreitägige Glaubensschule des Weltjugendtags findet ihren Höhepunkt in der Liturgie des Kreuzwegs am Freitag, dem 19. August. Die Suche nach Orientierung erreicht hier ihr Ziel in unserem Erlöser, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus.

III.

Als die heiligen Drei Könige nun vom Stern bis nach Bethlehem geführt worden und endlich am Ziel ihrer langen Pilgerreise angekommen sind, da freuen sie sich und beten Jesus an: "Sie sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten IHM." (Mt 2,11) So folgt auch beim Weltjugendtag in Köln auf die Tage der Orientierung die Anbetung des Herrn in der Vigil am Samstagabend auf dem Marienfeld. Jesus Christus anzubeten, heißt, ihn in den Mittelpunkt des eigenen Lebens zu stellen. Wer Jesus anbetet, der bekennt, dass da einer ist, der größer ist und er die Macht hat, ihn zu erlösen. So ist Anbetung ein Akt, der frei macht, frei von der Last, alleine verantwortlich zu sein für das eigene Leben; frei von der Angst, den Herausforderungen des Lebens nicht gewachsen zu sein - etwa in der Schule, im Studium, auf dem Arbeitsmarkt oder auch an vielen mühevollen Orten der kirchlichen Jugendarbeit sowie in anderen persönlichen Lebensfeldern; frei von dem beklemmenden Gefühl, ausgeliefert zu sein an die Willkür des Schicksals.

Ein zweites zentrales Ziel des XX. Weltjugendtags ist es, dass junge Menschen Jesus Christus als frohmachende Orientierung in ihrem Leben erfahren und bejahen. Die Anbetung ist ein Akt des frohen und vorbehaltlosen Sich-Verlassens auf Gott. Und so wird die Vigil, in der die Anbetung Jesu Christi im Zentrum steht, ein Fest sein, in dem Christus als Orientierung, als Grundlage und als Ziel des eigenen Lebens gefeiert wird.

IV.

Von den drei Königen heißt es dann im Evangelium weiter: "Sie brachten IHM Gold, Weihrauch und Myrrhe dar." (Mt 2,11) Mit diesen Gaben huldigen sie Jesus als dem König, Priester und Propheten des neuen Bundes. Und die Begegnung mit dem neugeborenen Jesus verändert die drei Weisen und ihr Leben. Sie werden in der Tradition der Kirche als "Könige" verehrt, weil ihnen in der Begegnung mit Jesus eine königliche Würde zuteil geworden ist. Wer Jesus nahe kommt und ihn anbetet, der wird verändert. Wer sich von Jesus anschauen lässt, wird seiner eigenen Würde als großartiges Geschöpf und Ebenbild Gottes gewahr. So macht die Begegnung mit Gott in der Anbetung den Menschen gewissermaßen zum König. Der Glaube hält in uns wach, dass jeder Mensch, ob geboren oder ungeboren, gesund oder krank, alt oder jung, arm oder reich, unendlich kostbar und einmalig ist. Gott spricht uns das Recht zu, in der Freiheit der Kinder Gottes zu leben.

In der Heiligen Messe am Sonntag, dem 21. August 2005, die den Höhepunkt und Abschluss des Weltjugendtags bildet, bringen die jungen Menschen sich selbst und ihr eigenes Leben als Gabe vor Gott. Und im Geheimnis der Eucharistie erfährt ihr Leben Wandlung. Sie empfangen in den verwandelten Gaben von Brot und Wein Jesus selbst. Als Glieder des Leibes Christi haben sie Anteil an dessen königlicher, priesterlicher und prophetischer Würde. Sie werden selbst zu Königen, Priestern und Propheten und somit zu Gaben für die Welt.

V.

Am Ende der Epiphanieerzählung steht der Satz über die drei Könige: "Sie zogen auf einem anderen Weg heim in ihr Land." Dieser Satz lässt sich auch sehr gut auf die Situation der zum Weltjugendtag versammelten jungen Menschen anwenden: Sie sind eingeladen, nicht einfach so weiter zu leben wie bisher, sondern - geprägt von der Begegnung mit Christus - neue Wege zu gehen. Freude an der persönlichen Berufung zu entdecken, ist ein drittes zentrales Ziel des Weltjugendtags in Köln. Der Weltjugendtag will eine Hilfe sein, der eigenen Berufung auf die Spur zu kommen, und er versteht sich als Sendung, diese Berufung, die bei jedem einzelnen je einzigartig ist, im Leben umzusetzen. Wir sind aufgerufen, zu entdecken, was Christsein in der Welt von heute bedeutet - mit allen Chancen und Herausforderungen, die Kirche, Gesellschaft und die "Eine Welt" an uns stellen.

Drei Schlagworte finden sich bei Papst Johannes Paul II. immer wieder im Zusammenhang mit der Sendung der Jugend: Da ist zunächst das Wort: Seid "Wächter des neuen Morgens"! Dieses Wort knüpft an die Überzeugung des Papstes an, dass das Reich Gottes angebrochen ist und dass Christus eine neue Zeit des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe heraufführen möchte. In der Jugend der Welt sieht der Papst Verbündete in dieser Vision, und so fordert er sie auf, hoffnungsvoll und gewissermaßen mit einem christlichen Optimismus in die Zukunft zu schauen und in der Welt Zeugnis abzulegen für die anbrechende großartige neue Zeit.

Ein zweites Schlagwort des Papstes, mit dem er gerne die Sendung der Jugend zum Ausdruck bringt, heißt: Seid "Baumeister einer neuen Zivilisation der Liebe und der Gerechtigkeit"! Hier liegt der Akzent auf dem Appell an die jungen Menschen, selbst an der Verwirklichung des Reiches Gottes mitzuarbeiten. Das Reich Gottes gelangt nicht ohne unsere Hilfe zur Vollendung, sondern Gott braucht uns als seine Mitarbeiter. Junge Menschen, die am Weltjugendtag teilgenommen haben, sind aufgerufen, ungerechte, menschenverachtende und lebensfeindliche Strukturen in der Welt aufzuspüren und ihnen entschieden zu widersprechen. Der Papst fordert sie auf, in ihrem Umfeld und im Rahmen ihrer Möglichkeiten dazu beizutragen, dass einer Kultur des Lebens, der Liebe und der Gerechtigkeit entstehen und wachsen kann. Diesen Aufruf des Papstes greift auch der Tag des Sozialen Engagements im Rahmen der Tage der Begegnung auf, der in Anknüpfung an das Wort vom Baumeister unter dem Motto steht: "under construction - Bau mit an einer gerechten Welt!"

Und das dritte Schlagwort des Papstes heißt: "Seid "Apostel der Neuevangelisierung"! In diesem Wort kommt sehr deutlich zum Ausdruck, wie der Papst von der Jugend denkt. Er sagt nicht etwa, dass nur sich die Bischöfe und Priester darum kümmern sollen, die Jugend zu evangelisieren. Sondern er bezeichnet die Jugendlichen selbst als "Apostel". Der Papst nimmt die Jugendlichen in ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Welt und der Zukunft ernst. Er traut ihnen viel zu und setzt auf sie.

In seiner Botschaft zum XX. Weltjugendtag sagt der Papst: "Wie die Heiligen Drei Könige rüstet auch ihr euch, liebe Jugendliche, für eine ‚Reise'. Sie führt euch aus allen Erdteilen nach Köln. Wichtig ist, dass ihr euch nicht nur um die praktische Organisation des Weltjugendtags kümmert, sondern dass ihr an erster Stelle die geistliche Vorbereitung in einer Atmosphäre des Glaubens und des Hörens des Gotteswortes pflegt." (Nr. 1) Dass Sie, die Sie verschiedene Länder repräsentieren, dies hier tun, ist für mich ein ermutigendes Zeichen. Denn eine gute Vor- und Nachbereitung kann das Ereignis des Weltjugendtags Wurzeln schlagen lassen für das eigene Leben, für den Alltag, aber auch für die "Normalität" der Jugendarbeit in den Gemeinden und Ortskirchen. Eine gute Vor- und Nachbereitung schafft ein Netzwerk des Glaubens, der Verbundenheit und der Solidarität.

Liebe Freunde, liebe Schwestern und Brüder, ich lade Sie alle noch einmal herzlich zu den Tagen der Begegnung in den deutschen Diözesen und zum Weltjugendtag nach Deutschland ein. Zusammen mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Weltjugendtagsbüros sowie den Verantwortlichen der Jugendpastoral freue ich mich, wenn Sie im nächsten Jahr mit vielen jungen Menschen aus den skandinavischen Ländern zu uns kommen.
Abschließend "danke" ich Ihnen und Euch für die herzliche Gastfreundschaft, die ich in diesen Tagen hier erfahre und wünsche Gottes Segen für die weiteren Vorbereitungen.

Pfarrer Georg Austen
Sekretär des Weltjugendtags,
Deutsche Bischofskonferenz