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Visitenkarte für Deutschland

RHEINISCHER MERKUR: Angesichts des Weltjugendtags könnte manch einer den Eindruck gewinnen, dass die katholische Kirche vor allem auf große Events setzt. Ist das so?

GEORG AUSTEN: Der Weltjugendtag ist tatsächlich ein Glaubensfest mit eventhaften Zügen, ein frommes Festival mit internationalem Gesicht, ein Fest der Weltkirche. Die Katechesen und die Feier der Eucharistie, das Sakrament der Versöhnung und die zentralen Gottesdienste spielen eine wichtige Rolle. Aber auch das Jugendfestival mit künstlerischen und spirituell-liturgischen Angeboten hat einen festen Platz. Mehrere hundert Angebote mit Tanz, Theater, Musik, Film und Ausstellungen sowie etwa 50 Zentren von Orden, Verbänden und Bewegungen ermöglichen vielfältige Begegnungen. In Diskussionsforen werden natürlich auch die Fragen der Zeit und nach dem Christsein in der heutigen Welt auftauchen.

Welche Bedeutung hat der Weltjugendtag für die kirchliche Jugendarbeit insgesamt?

Da besteht ein enger Zusammenhang. Man muss darauf achten: Was ist vor und nach dem Weltjugendtag? Wo bietet er Anknüpfungspunkte, wo ist er verankert in der alltäglichen Jugendarbeit? Der Weltjugendtag ist Chance und Herausforderung, das, was durch ihn angestoßen wird, auf allen Ebenen weiterzuführen. Er wird vielleicht auch Antwort geben auf die Fragen: Was heißt Christsein für Jugendliche heute angesichts großer gesellschaftlicher und kirchlicher Umbrüche.

Mehr als 30000 Jugendliche haben sich als freiwillige Helfer in Köln beworben. Wie wichtig ist dieses Potenzial?

Vielleicht werden sie und die anderen Teilnehmer sprachfähiger im Glauben und nehmen davon etwas mit in die Gemeinden, Verbände und Gemeinschaften. Ich bewundere, mit wie viel positivem Engagement die vielen jungen Leute sowie die weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier im Weltjugendtagsbüro und in den Diözesen dabei sind und Tag und Nacht für dieses Ziel arbeiten. Überwiegend wird die Organisation im Weltjugendtagsbüro von jungen Leuten gestemmt, die das ehrenamtlich tun und einige Monate zusammen leben, beten und arbeiten. Wir haben insgesamt 234 Mitarbeiter; davon sind 97 Hauptberufliche und 137 Langzeitfreiwillige aus 48 Nationen.

Sie sind also zuversichtlich, dass die Impulse des Weltjugendtages aufgegriffen werden?

Es ist auch mein ganz persönliches Anliegen, den Weltjugendtag in die Jugendpastoral zu integrieren. Dafür gibt es in Deutschland sehr starke Säulen: die Pfarreien, die Jugendverbände, die Orden, die kirchlichen Bewegungen; ich denke aber auch an die Schul- und Hochschulpastoral. In den Diözesen gibt es schon eine ganze Menge Ideen, Fragen der Spiritualität aufzugreifen; im Bistum Rottenburg-Stuttgart gibt es beispielsweise einen Glaubenskurs für junge Erwachsene im Internet. Hinzu kommen Exerzitien und Seminare zu interkulturellen Begegnungen und religionspädagogische Arbeitshilfen.

Es sah lange so aus, als hätte die Kirche Mühe, die jungen Menschen zu erreichen. Da scheint sich allmählich etwas zu ändern . . .

Die Frage nach Sinn und Glauben ist bewusster geworden. Das zeigen nicht zuletzt die Vorgänge um den Tod von Papst Johannes Paul II. und die Wahl von Papst Benedikt XVI. Die Frage nach religiöser Orientierung und lebensordnenden Ritualen findet sich heute häufiger. Der Weltjugendtag wird die Kirche in Deutschland nicht „umdrehen“, aber er wird positive Ansatzpunkte bieten im Blick auf die Frage nach Gott. Wir müssen weiterhin Optionen für junge Menschen setzen, personelle und finanzielle Ressourcen für sie bereitstellen. Neue Netzwerke haben sich in der Vorbereitung des Weltjugendtags gebildet. Dies gilt es zu stärken und nach Möglichkeit weiterzuführen.

Viele rätseln, worin die Anziehungskraft Johannes Pauls II. auf die jungen Menschen bestand. Warum sind sie in solchen Scharen nach Rom gepilgert, um den toten Papst zu ehren?

Papst Johannes Paul II. gab durch sein Leben ein Zeugnis seines Glaubens. Erwar authentisch, hatte viel Charisma und Ausstrahlungskraft – und er nahm die jungen Leute sehr ernst. Der Papst und die jungen Menschen haben einander viel gegeben und voneinander viel genommen. Johannes Paul II. hat die jungen Leute nicht als Sorgenkinder gesehen, sondern ihnen etwas zugetraut, sie als „Baumeister einer neuen Zivilisation“ und als „Apostel der Neuevangelisierung“ gesehen und herausgefordert.

Trotzdem: Halten Jugendliche sich auch an das, was die Kirche, der Papst ihnen sagen? Oder verehren sie die Person und ignorieren die Botschaft?

Manchmal gibt es da tatsächlich eine Diskrepanz, was die persönliche Lebensführung nach den Normen der Kirche angeht, aber da sind Jugendliche nur das Spiegelbild der Erwachsenen. Entscheidend ist: Wie erleben Jugendliche die Kirche vor Ort, und wie werden die christlichen Werte glaubwürdig in die Lebenswirklichkeit übersetzt? Personen spielen da eine ganz wichtige Rolle. Johannes Paul II. hat wichtige Orientierungspunkte für das religiöse Leben gegeben, er hat auch spürbare Akzente in Fragen des Friedens, der Gerechtigkeit und Solidarität mit benachteiligten Völkern gesetzt.

In den siebziger und achtziger Jahren waren Autoritäten bei jungen Leuten verpönt. Werden sie jetzt wieder gesucht?

Wir stoßen heute an viele Grenzen. Die Katastrophe auf dem Arbeitsmarkt vermittelt den Jugendlichen das Gefühl, dass sie mit ihren Fähigkeiten nicht mehr gebraucht werden. Dadurch stellen sich Fragen nach dem Sinn, der Würde und der Werthaftigkeit des Menschseins neu, und es setzt eine Suche nach echten Autoritäten ein.

Sind die jungen Leute andererseits heute unpolitischer als früher?

Das hängt davon ab, welches Rüstzeug sie in den verschiedenen Lebenswelten bekommen. Das politische Engagement hat sicher früher anders ausgesehen als heute, wie auch die Formen gelebter Spiritualität. Es ist wichtig, das politische und soziale Engagement in Verbindung mit dem christlichen Werten zu gestalten und zu deuten, wie es beispielsweise der Tag des sozialen Engagements „under construction“ tut.

Was ist das Ziel der „Tage der Begegnung“ in den Diözesen?

Durch die Tage der Begegnung wollen wir die Gastfreundschaft erwidern, die wir in Frankreich, Italien oder Kanada bei den vorherigen Weltjugendtagen erlebt haben. Sie bieten die Gelegenheit, Weltkirche vor Ort mit verschiedenen Nationen zu erleben, im verbindenden Glauben an Jesus Christus. Je mehr junge Leute als Gastgeber und Verantwortliche dabei integriert werden, umso größer ist die Identifizierung mit diesem Ereignis. Die Vorbereitungen zeigen, wie kreativ die Diözesen sind, wie gut und vielfältig sie das Leben vor Ort einbringen und gestalten. Wichtig für uns war, dass die Tage der Begegnung in ganz Deutschland stattfinden – in stark katholischen Gegenden ebenso wie in der Diaspora Nord- oder Ostdeutschlands. Auch die ökumenischen Beziehungen sollen zum Tragen kommen.

Spüren Sie, dass Sie sich jetzt in der „heißen Phase“ befinden?

Ja, aber das bedeutet nicht, dass Panik ausbricht. Vieles ist auf einem guten Wege, vieles muss noch getan werden. Auch im politischen Umfeld schlägt uns ein großes Wohlwollen entgegen. Fest steht: Der Weltjugendtag wird eine Visitenkarte für Deutschland werden.

Pfarrer Georg Austen war sechs Jahre BDKJ-Diözesanseelsorger und Studentenpfarrer der Katholischen Hochschulgemeinde Paderborn. Seit 2002 ist er im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz Sekretär des Weltjugendtags. In der Leitung des Kölner Weltjugendtagsbüros hat Austen besondere Schwerpunkte: die „Tage der Begegnung“ in den Diözesen, das Weltjugendtagskreuz und das Jugendfestival.

Das Gespräch führte Gerd Felder.

Quelle: Rheinischer Merkur Nr. 31, 04.08.2005


PLANUNGSZENTRUM: Pfarrer Georg Austen vor der großen Einsatztafel im Weltjugendtagsbüro in Köln mit den Helferinnen Nicole Behraus aus Deutschland und Magdalena Ryzyk aus Polen (von links). Foto: Gerd Felder