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"Ora et Labora in der City" Ein Jahr nach dem Weltjugendtag gibt es viele Folgeprojekte

Köln (DT/KNA) Bunte Fahnen, blaue Rucksäcke, tausende singende Jugendliche, mittendrin der Papst: Die meisten Deutschen haben diese Bilder vom Weltjugendtag (WJT) noch nicht vergessen. Ein Jahr ist das katholische Großereignis vorbei. Am 11. August 2005 begann es mit Begegnungsfesten in den Diözesen. Vier Tage später reisten die Gästescharen aus fast 200 Ländern nach Köln an den Rhein, um mit Benedikt XVI. Gottesdienst unter freiem Himmel zu feiern. Zwölf Monate danach beschäftigt viele in der Kirche, was von dem 122 Millionen Euro teuren Glaubensfest geblieben ist.

Einen ersten Hinweis mag das Rahmenprogramm zum Besuch des Papstes im September in Bayern geben: Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) plant für den 9. September eine "Jugendnacht" - ganz nach dem Vorbild des Weltjugendtags: In der Münchner Jugendkirche sind Gottesdienste, Live-Musik, Disko, Filmnacht sowie Gesprächsangebote von Seelsorgern angesagt. Um 3.30 Uhr soll ein gemeinsamer Pilgerweg zum Papst-Gottesdienst auf dem Gelände der Neuen Messe München führen - ein Beispiel von vielen, wie sich die spirituellen Formen des WJT inzwischen in der Jugendseelsorge durchgesetzt haben. Auch Kardinal Joachim Meisner, Gastgeber des WJT 2005, ist überzeugt: In den vergangenen Monaten seien "viele positive Bewegungen des geistlichen Lebens" entstanden, auch wenn niemand sie an die große Glocke gehängt habe. Die religiösen Erfahrungen des Jugendtreffens hätten sich bundesweit in vielen Initiativen fortgesetzt, sagt der Erzbischof. Ergebnis: "Das katholische Selbstbewusstsein und Siegesbewusstsein ist gestiegen. Leute outen sich und sagen, ich bin ein katholischer Christ." Gerade den Älteren habe der Weltjugendtag eine Lektion erteilt. Sie hätten gelernt, dass die Jugend ihnen in Glaubensfragen vorausgehe. Viele Erwachsene seien von den intensiven Gebeten beeindruckt gewesen. Erste wissenschaftliche Ergebnisse scheinen Meisner Recht zu geben: "Die Chancen auf eine nachhaltige Wirkung stehen gut", sagt Jörg Hunold von der Trierer Universität. Der Soziologe befragte vor, während und nach dem Weltjugendtag mehrere hundert Teilnehmer über ihre Erwartungen und Erfahrungen. Auch wenn die Auswertung noch nicht beendet sind, steht für Hunold fest: "Das Gemeinschaftserlebnis war für die Befragten äußerst intensiv. Das werden sie nicht vergessen." Denn im Alltag lebe diese Generation sehr einzelgängerisch. Umso stärker hätten die Begegnungstage in den Diözesen gewirkt, die dem Kölner Treffen vorgeschaltet waren. "In den Gemeinden und Jugendverbänden sind intensive persönliche Kontakte entstanden", so Hunold. "Diese werden nun in neuen Gruppen oder mit Gegenbesuchen in den Ländern der Gäste fortgesetzt." Das Fazit des Forschers: "Je kleiner die Organisationseinheit, desto größer die Chance auf Nachhaltigkeit." Viele Bistümer scheinen das erkannt zu haben, wie Weltjugendtags-Sekretär Georg Austen berichtet. Der Pfarrer, der Ende Juli als letzter Verantwortlicher seine Tätigkeit für den Weltjugendtag beendet hat, ist in den Monaten davor durch alle Diözesen gereist und hat das Jugendtreffen auf Konferenzen und Studientagen mit Bischöfen und Organisatoren nachbereitet. Die einhellige Bilanz in den Bistümern: Der Weltjugendtag habe die Jugendseelsorge stark belebt; seine spirituellen Formen wie Katechese, Wallfahrt, Vigil und Anbetung würden vielfach aufgegriffen. Dadurch seien an zahlreichen Orten neue Initiativen entstanden. Das hat nach Einschätzung von Austen auch damit zu tun, dass zwischen den unterschiedlichen Trägern der Jugendarbeit neue Netzwerke entstanden und Vorurteile abgebaut worden seien: zwischen Jugendämtern, Verbänden, geistlichen Gemeinschaften, Schul- und Hochschulpastoral, Messdienern und Behindertengruppen.

Austens Liste mit neuen Projekten, die aus dem Weltjugendtag entstanden sind, ist lang. Sie reicht von Nord bis Süd, von West bis Ost: In Berlin zum Beispiel knüpft man an den "Tag des sozialen Engagements" beim Weltjugendtag an und lässt Jugendliche in der Firmvorbereitung Sozialarbeit leisten. Titel des Projekts: "Camp Kiez - Ora et Labora in der City". In Erfurt haben junge Katholiken Sozialarbeit speziell für Senioren eingeführt. Das Erzbistum Köln begeht den Jahrestag der Abschlussmesse mit einer Sternwallfahrt. Sie soll daran erinnern, wie im August 2005 Hunderttausende zum Schrein der heiligen drei Könige im Dom pilgerten. Zusätzlich wird es jedes Jahr im September eine mehrtägige Wallfahrt zum Dom geben, mit Pilgerämtern und Andachten, Stundengebet und Orgelfeierstunden. Für die Jugend ist wie beim Weltjugendtag eine Nachtwache geplant. Die Diözesen Freiburg, Osnabrück und Paderborn kümmern sich seit dem Weltjugendtag besonders um das Thema Berufung. Sie suchen nach Interessenten für Priester- und Ordensberufe. Der Papst hatte in Köln eindringlich dazu aufgerufen. Der Glaubenskurs für junge Erwachsene, der zu diesem Zweck in Osnabrück ins Leben gerufen wurde, heißt "Rufzeichen". In Fulda sind geistliche Wochenenden unter dem Namen "Church-Factory" entstanden. In Paderborn heißt die Aktion "Go 4 him". Die Teilnehmer treffen sich an Wochenenden, beten zusammen, sprechen über Glaubenserfahrungen und "bilden eine kleine Gemeinschaft", berichtet der Paderborner Diözesanjugendpfarrer Meinolf Wacker. Ideengeber sei der Papst gewesen, der auf dem Marienfeld sagte: "Bildet Gemeinschaften aus dem Glauben heraus." Ähnliche Gruppierungen und Gesprächskreise sind laut Austen auch in den Diözesen Speyer, Hildesheim, Magdeburg und Freiburg aus Weltjugendtags-Nachtreffen entstanden. Neue Netzwerke in der Jugendarbeit, weniger Vorurteile, mehr spirituelle Veranstaltungen, lebendige internationale Partnerschaften - Jugendbischof Franz-Josef Bode bilanziert: "Ohne den Schwung des Weltjugendtags wären diese Früchte kaum gewachsen." Die hauptamtlichen Jugendseelsorger sollten nicht nachlassen, nach überzeugenden Formen der Glaubensvermittlung zu suchen. Das Bedürfnis Jugendlicher danach sei groß, so der Vorsitzende der bischöflichen Jugendkommission. Der Essener Bischof Felix Genn, der dem Gremium ebenfalls angehört, warnt zugleich davor, den Erfolg des Weltjugendtags nach zu oberflächlichen Kriterien zu bemessen. Entscheidend sei die geistliche Dimension. "Viele sagen, die Kirchen und Priesterseminare haben sich trotzdem nicht gefüllt", so Genn. Das sei der falsche Ansatz: "Was der Weltjugendtag in den Herzen einzelner Menschen bewirkt hat, können wir heute noch gar nicht sehen. Das mag in vielen Jahren fruchtbar werden."

Autor: VON VIOLA VAN MELIS
Quelle: Die Tagespost