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Sternstunden 26./27. August 2006 - ein Jahr nach dem Weltjugendtag

sternstunden_1Nächtliche Sternwallfahrt zum Marienfeld und zum Kölner Dom

PEK (060829) - Es sind nicht nur nette Worte, die Alexandra, Bernd, Guido und Celine zu hören bekommen. Zusammen mit rund 900 anderen jungen Menschen sind sie in dieser Nacht unterwegs in der Großstadt Köln. Das verbindet sie mit vielen anderen Menschen, die an diesem späten Samstagabend auf dem Weg in die Disco oder auf dem Heimweg vom Kino sind. Die vier Jugendlichen und ihre gleich gesinnten Begleiter fallen auf: In einem rund einen Kilometer langen Zug ziehen sie entlang der Aachener Straße in Richtung Innenstadt. Der Dom ist ihr Ziel. Vorneweg schreiten Ministranten in ihren Gewändern, das von Fahnen flankierte Vortragekreuz stolz in den Himmel gereckt.

Die 900 jungen Christinnen und Christen stören in dieser Nacht für kurze Zeit das normale Nachtleben der Großstadt. Wo der Pilgerzug Straßen und Kreuzungen überquert, müssen die Autos warten, auch wenn die Ampeln auf Grün stehen. Fahrradfahrer müssen anhalten, um diese große, betende und singende Menschenmenge passieren zu lassen. Viele Zaungäste sind irritiert, manche wartende Autofahrer äußern lautstark ihren Unmut. „Es gibt aber auch Autofahrer, die völlig baff sind“, hat Alexandra beobachtet. Seit Stunden sind die jungen Christen unterwegs. Müdigkeit macht sich breit, die Beine werden schwer und die Füße tun weh. Auf einmal geht ein spürbarer Ruck durch die Pilgerschar. Von ferne ruft sie der Klang einer mächtigen Glocke. Jetzt werden die Schritte fester und ausgreifender. Vom Turm der St.-Aposteln-Kirche am Neumarkt tönt die Weltjugendtags-Glocke, im letzten Jahr von Papst Benedikt XVI. auf dem Marienfeld geweiht, über die Stadt. Jetzt, um 4.30 Uhr begrüßt sie weithin vernehmlich die Jugendlichen in der Domstadt. Nun ist der Weg zum Dom nicht mehr weit. Noch vor Morgengrauen werden sie dort mit einem feierlichen Gottesdienst die Jahresfeier des Weltjugendtages beschließen.

sternstunden_2Viele Stunden vorher hat das Fest in vier Kirchen rund um das Marienfeld begonnen. In der Christus-König-Kirche in Horrem, der St.-Mariä-Himmelfahrt-Kirche in Grefrath, in St. Joseph Kerpen- Brüggen und St. Quirinus in Kerpen- Mödrath treffen kurz vor 19 Uhr Katholiken aus dem ganzen Erzbistum Köln ein. Selbst aus anderen Diözesen sind Teilnehmer des letztjährigen Weltjugendtags angereist. Vieles ist wie im letzten Jahr: Auch damals war das Wetter alles andere als sicher. Regencapes und Schirme sind fester Bestandteil im Rucksack. Und wie bei der Vigil mit Papst Benedikt zeigt sich die Sonne kurz vorm Untergehen noch einmal rot leuchtend am Firmament. Anders als vor einem Jahr stehen heute Kartoffeln, Rüben und Weizen dort, wo damals eine Million junger Menschen aus mehr als 180 Nationen dieser Erde friedlich vereint darauf warteten, dass sich der heilige Vater unter der „schwebenden Wolke“ auf der Altarinsel den begeisterten jungen Menschen zeigt.

Die 38-jährige Uschi Kuhr ist sofort zum Papsthügel gekommen. Etwa 2.500 Menschen finden auf dem Plateau Platz. Während auf der großen Bühne, die mit ihrer Überdachung und den hell strahlenden Scheinwerferbatterien ein wenig an die Papstwolke erinnert, die abschließenden Vorbereitungen laufen, sitzt Uschi Kuhr alleine mitten auf dem Platz. Rom, Toronto, Marienfeld: Uschi Kuhr ist eine erfahrene Weltjugendtagsteilnehmerin. Den Moment des Alleinseins nutzt sie, „um zu beten und mich auf die Feier einzustimmen“. Hat sie Erwartungen an den Abend? Frau Kuhr lächelt: „Ich weiß, dass heute keine Million Gläubige hierhin kommen wird, aber auf die, die kommen, auf die kommt es an. Es ist auch egal, ob die äußeren Umstände gelegen oder nicht gelegen sind“, sagt sie mit Hinweis auf das drohende schlechte Wetter, „entscheidend ist doch, dass wir uns durch nichts aufhalten lassen“.

sternstunden_3Für Georg Austen ist die Rückkehr zum Papsthügel mit besonderen Erinnerungen verbunden. Als Sekretär des Weltjugendtages hat er aus allernächster Nähe den Besuch des Papstes erlebt. „Jetzt hier oben auf dem Hügel zu stehen erinnert mich an die Anfänge auf dem Marienfeld vor zwei Jahren. Abgesehen vom Hügel ist fast alles wieder so, wie wir es bei unserer ersten Besichtigung des Areals damals vorgefunden haben“, sagt Austen, der sehr neugierig ist, „wie der Hügel und das mit dem Ort verbundene Ereignis durch die Kirche lebendig gehalten werden wird“. Mit Pilgern aus Grefrath ist Austens Kollege als WJT-Sekretär, der gerade zum Monsignore ernannte Pfarrer Ulrich Hennes, zum Marienfeld aufgebrochen. Je näher die Gruppe dem Papsthügel gekommen sei, desto mehr sei er zurückgeblieben, um in der Stille die „wunderbaren Tage des letzten Jahres in Erinnerung zu rufen“. Am Fuße des Papsthügels bekommt jeder Teilnehmer an der Feier von freundlichen Helferinnen und Helfern einen blauen Luftballon mit anhängender Karte und ein Licht in die Hand. „Sternstunden“ – das Motto der Veranstaltung — steht auf den Ballons. Vor Beginn der Feier sollen alle Ballons gleichzeitig fliegen gelassen werden, um mit der anhängenden Karten aller Welt die Botschaft dieses Abends zu verkünden. Zuvor können persönliche Sternstunden auf die Karten geschrieben werden.

„Es ist schön, dass wir heute Abend hier sind, um uns an den Weltjugendtag zu erinnern, unseren Glauben zu feiern, um in dieser Gemeinschaft lebendige katholische Kirche zu sein und so Stärkung für unser Leben als Christen auf den Pilgerwegen unseres Lebens zu empfangen“, begrüßt Diözesanjugendseelsorger Mike Kolb die mittlerweile rund 1.500 Gläubigen aller Alterstufen, die der Einladung zur Vigil gefolgt sind. Kolb dankt insbesondere Erzbischof Joachim Kardinal Meisner dafür, „dass Sie Vertrauen hatten in die jungen Menschen unseres Erzbistum und dass Sie daran geglaubt haben, dass der Weltjugendtag hier in unserer Diözese und in ganz Deutschland Frucht bringt“. Was es bedeutet, Zeugen des Glaubens zu sein, zeigen junge Menschen, die ohne Scheu auf die Bühne kommen und vor den 1.500 Zuhörern davon erzählen. Für den 19-jährigen Kevin Kandathil ist der Glaube keine Errungenschaft, „die ich mir mit Fleiß erarbeitet habe, kein Triumph, den ich wie ein Pokal in meiner Hand halten kann, sondern vielmehr und treffender ein Geschenk, eine Gnade Gottes, die mir in meinem Leben vor Krisen in jeglicher Hinsicht geholfen hat“. Katrin und Bastian Vormwald, die gemeinsam im Chor „Koinonia“ singen, der unter der Leitung von Mecki Ossendorf die Vigil musikalisch gestaltet, haben eine ganz besondere Erinnerung an den Papstbesuch. Schon lange befreundet, seien sie sich durch den Weltjugendtag sicher geworden, dass „wir zueinander gehören, weil wir uns lieben und vor allem sicher, dass es Gott war, der immer bei uns war und uns zusammengehalten hat, wenn wir uns eigentlich aufgeben wollten“. Als am Palmsonntag in Rom das Weltjugendtagskreuz an Jugendliche aus Sydney übergeben wurde, waren die beiden dabei. Wichtiger als diese Feier war für die beiden aber sicherlich ihre Hochzeit in Rom. Im Kreis der Jugendlichen, die mit ihnen den Glauben feiern, gaben sie sich in der Ewigen Stadt das Ja-Wort.

sternstunden_4„Selig seid Ihr, die Ihr dabei wart“, ruft Kardinal Meisner zu Beginn seiner Ansprache den Menschen auf dem Hügel zu. Als er sie danach auffordert, mit einem dreifachen „Benedetto“ den heiligen Vater in Rom zu grüßen, erschallen tausendfache rhythmische „Benedetto-Rufe“. Der Papst habe seit seinem Besuch im vergangenen Jahr kein Ereignis so oft erwähnt wie den Weltjugendtag; seitdem dürften Christen noch aufrechter durch die Welt gehen: „Wehe dem, der Minderwertigkeitskomplexe hat“, mahnt der Erzbischof. „Jesus rechnet mit Eurer Großherzigkeit und Eurer Kreativität. Wir brauchen Euch, denn ihr habt einen näheren Draht zu Gott und deshalb ein sichereres Gespür, was Gott will“. Deshalb müsse man die Jugend fragen, „wo sie in dunkler Zeit die Sterne der Hoffnung sieht“. Zur zweiten Jahresfeier im nächsten Jahr werde der Papsthügel ein anderes Gesicht haben, versprach Meisner. „Dann wird es hier oben einen Altar, eine Marienkapelle und ein Kreuz geben“.

Nach Anbetung und Segen schickt Diözesanjugendseelsorger Mike Kolb die Teilnehmer der Fußwallfahrt zum Dom auf die Reise. In der Frühe haben die Pilger ihr Ziel erreicht. Müde, aber glücklich, sitzen sie in den Bänken der Kathedrale. Kaum ein Platz ist frei. Pünktlich um 5.30 Uhr beginnt der Gottesdienst. Generalvikar Dr. Dominik Schwaderlapp, der schon an der Vigil auf dem Marienfeld teilgenommen hat, begrüßt die jungen Menschen, die „wie die heiligen drei Könige nach langem Weg an ihrem Ziel angekommen sind.“ Mike Kolb lädt in seiner Ansprache ein, den gemeinsam begonnen Glaubensweg fortzusetzen. „Lasst uns gehen“ — Procedamus“ lautet der Name der neuen geistlichen Bewegung im Erzbistum Köln, die in den nächsten Wochen gegründet wird. „Alle, die Jesus Worte in ihr Leben lassen und sie Hand und Fuß werden lassen wollen, lade ich ein: Procedamus — Auf, lasst uns gehen.“ (PEK/R.B.)